21.08.2009
Der Tod als letzte Autorität

Carriers


Carriers Das Überleben in einer virusverseuchten Welt erfordert Regeln, strenge Regeln. Dies weiß auch das ungleiche Brüderpaar Danny (Lou Taylor Pucci, "Thumbsucker", "The Informers") und Brian (Chris Pine, "Star Trek"), das mit seinen Freundinnen Kate (Emily VanCamp) und Bobby (Piper Perabo) durch ein postapokalyptisches Amerika fährt, ein verstörender Roadtrip ad horrendum. Menschlichkeit ist bei einer hundertprozentigen Mortalitätsrate nicht mehr gefragt. Wer infiziert ist, ist so gut wie tot und muss sofort ausgeschlossen werden.

In Erinnerung an idyllische Urlaube am Turtle Beach beabsichtigt die Gruppe, in diese scheinbar heile Welt zu reisen, um ein wenig Frieden zu finden in einer Welt, in der der Tod regiert. Der Weg dorthin ist jedoch eher eine Homer-Odyssee als ein Jack-Kerouac-Roman. Kurze Augenblicke verraten den Zustand der Welt: leere Straßen, verlassene Städte, die eine oder andere Leiche am Straßenrand. Eine an einem Hochspannungsmast gelynchte Leiche verweist auf eine zerrüttete Gesellschaft. Ein hustender Priester predigt im Radio vom Ende der Zeiten, von einer Bestrafung Gottes an der versündigten Menschheit.

Carriers: Filmplakat Die Gefahr liegt nicht allein im Virus, sondern in dem Verhalten, das die Pandemie fordert. Um zu überleben müsste man, im wahrsten Sinne des Wortes, über Leichen gehen. Wenn die Schutzmechanismen heruntergefahren werden und Humanität aufflackert, zum Beispiel um einem infizierten Kind zu helfen, wird diese Unvorsichtigkeit mit Ansteckung bestraft. Die Grenze zwischen Überlebenswillen und purem Egoismus ist schmal; wenn jeder auf sich allein gestellt ist und die sozialen Zusammenhalte zerfallen, wenn keine Autorität mehr das Zusammenleben reguliert, wird der Mensch zur Bestie, wie William Golding in "Herr der Fliegen" schon 1954 zeigte. Wie weit darf man gehen, um zu überleben? "Carriers" zeigt uns die Menschheit von ihrer dunklen Seite, wenn nichtinfizierte Überlebende sich gegenseitige Hilfeleistungen verweigern und sogar bis aufs Blut kämpfen, um einen Tank voll Sprit zu bekommen. Hier sind die Menschen eine größere Gefahr als das Virus selbst, da Selbstliebe und Eigennutz Vorrang haben. Die Errichtung einer postapokalyptischen Gemeinschaft, wie sie in manch anderem Film dieses Genres dargestellt wird, ist in diesem Film ein Ding der Unmöglichkeit. Die letzten Überlebenden irren durch die Lande auf der Suche nach einem friedlichen Ort der Stille, anstatt sich zu einer größeren und funktionsfähigeren Gruppe zusammenzuschließen. Keiner will seinem Nächsten helfen, vor allem nicht, wenn es sich um Fremde handelt. Eine Gruppe Männer in Seuchenschutzanzügen meint, das perfekte System entwickelt zu haben, lebt in einem hermetisch versiegelten Hotel, dessen Perfektion durch eine zerbrochene Fensterscheibe zerstört werden kann. Auch sie fürchten das Fremde, und lassen sich nur unter Waffengewalt in ihre Schranken verweisen. "Everyone dies" ist das Motto, und für die meisten trifft dies eher früher als später zu. So muss jeder lernen, die Infizierten zu depersonalisieren. Wer sich ansteckt, ist schon tot.

Als die letzten Überlebenden der Truppe in Turtle Beach ankommen, ist alles wie immer, und gleichzeitig nichts wie zuvor. Sie sind seelisch ohnehin schon tot. Ein Ort ist eben auch bestimmt durch seine Anwohner, und Erinnerungen bringen dies schmerzlich zu Tage. Die den Film einleitenden und ausklingenden Heimvideobilder aus sorgloseren Zeiten zeigen die Brüder ausgelassen am Strand und führen uns vor Augen, dass kein Mensch eine Insel sein kann.

"Carriers" gelingt es, den Spannungsbogen nicht zu überreizen und dennoch mit gekonnt eingesetzten Standardsituationen Schrecken zu erzeugen. Was der Film allerdings vielmehr vermittelt als Beunruhigung und Horror ist ein Gefühl der Hilflosigkeit und des Verlassenseins. Die nihilistische, zynische Art Brians, mit der Situation umzugehen, erzeugt diesen Eindruck ebenso wie der traurige Blick seines Bruders Danny. Böse Zungen mögen anmerken, dass der Film eher vor sich hin plätschert, doch kann man in eben dieser Ruhe auch die ausgedehnte Hoffnungslosigkeit einer aussterbenden Welt sehen. Ein Horrorfilm darf auch mit subtilen Mitteln arbeiten, der Schreck muss einen nicht grundsätzlich anspringen. Der Film verzichtet auf übermäßige Brutalität und blutigen Details zugunsten der ruhigen Atmosphäre des Nihilismus. Wenn selbst der Priester im Radio hustet, bestärkt dies nur die gottlose, herzlose Stimmung einer Welt, die trotz ihres gesamten Fortschrittes von einem simplen Virus dahingerafft wurde. Zu bemängeln sind dennoch unlogische Szenen und Handlungen der Protagonisten, wie zum Beispiel der plötzliche, laxe Umgang mit Gegenständen wie Münztelefonen, wo man doch zuvor noch akribisch das Auto mit Bleichmittel gesäubert hat, um eine Ansteckung zu vermeiden. Frauen sind im Horrorgenre nun einmal gerne irrational, tendenziell verlogen und handlungsunfähig, während Männer eher als draufgängerisch und scharfzüngig dargestellt werden. Diese Klischierung hält sich zwar in Grenzen, ist jedoch erkennbar. Schade auch, dass gewisse Figuren, wie die Männer in dem Hotel, die ein in sich geschlossenes System errichtet haben, gar nicht weiter ausgebaut werden. Trotz einiger Ungereimtheiten hat "Carriers" seine Stärken. Der Umgang mit dem Thema der Pandemie liegt derzeit nicht nur cineastisch mit Filmen wie "28 Weeks Later" (2007) oder "I am Legend" (2007) in der Luft, sondern auch thematisch in Form der panikartigen Berichterstattung über die Schweinegrippe.

Carriers: Lou Taylor Pucci Die Protagonisten sind keine Helden, die aus einer Katastrophe heraus über sich hinaus wachsen und entgegen ihrer Art handeln wie ein Snake Plissken in "Die Klapperschlange" ("Escape from New York", 1981). Sie sind einfach nur junge Menschen, die aus ihrem Alltag gerissen wurden und jetzt mit Clorox, Handschuhen und Atemschutzmasken bewaffnet versuchen, zu überleben. Dass dies nicht so ohne Weiteres funktioniert, macht diesen Film menschlich-realistischer; man bekommt eben nicht den Eindruck, dass die handelnden Figuren allesamt mit den Konventionen des Horrorgenres vertraut und genau auf alle Schreckszenarien vorbereitet sind. Sie lernen en passant zu überleben: Der Zusammenbruch der Ordnung und das Aussterben der Menschheit erfordern autodidaktisches Vorgehen.

Das Brüderpaar Álex und David Pastor hat es in seinem Debüt geschafft, einen beklemmenden Film über das Leben und Überleben, und über die Rolle der Humanität in Krisenzeiten vorzulegen. Tatsächlich fragt man sich nach dem Film, wie in derartigen Situationen zu handeln wäre. Wie strikt kann man sich an Regulationen halten, und würde man lieber seine eigene Familie dem Tod überlassen, um dann mutterseelenallein zu überleben?  

Jana Toppe / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Twentieth Century Fox

 
Filmdaten 
 
Carriers (Carriers) 
 
USA 2009
Regie & Drehbuch: Álex & David Pastor;
Darsteller: Chris Pine (Ryan), Lou Taylor Pucci (Danny), Piper Perabo (Bobby), Emily VanCamp (Kate), Kiernan Shipka (Jodie), Christopher Meloni (Frank) u.a.; Produktion: Ray Angelic, Anthony Bregman; Kamera: Benoît Debie; Musik: Peter Nashel; Länge: 85 Minuten; FSK: ab 16 Jahren; ein Film im Verleih von Splendid Film; deutscher Kinostart: 1. Oktober 2009



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<21.08.2009>


Zitat

"Filme Deine Morde wie Liebesszenen, und filme Deine Liebesszenen wie Morde."

("Film your murders like love scenes, and film your love scenes like murders.")

Regisseur Alfred Hitchcock

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