01.11.2015
Melodram des "Dem Himmel so fern"-Regisseurs Todd Haynes

Carol (2015)


Carol (2015) Die Liebesbeziehung in Todd Haynes' luxuriösem Melodrama ist nicht nur die der schüchternen Verkäuferin Therese (Rooney Mara) mit der Titelfigur (Cate Blanchett), es ist vor allem die der Kamera. Letzte stilisiert die makellos gekleidete und frisierte Blanchett in den akkuraten Interieurs des Nachkriegsamerikas, bis sie selbst fast Teil davon wird. Der Kampf gegen dieses Erstarren zu einem dekorativen Objekt ist der eigentliche Konflikt der präzisen Romanverfilmung. Sie erzählt weniger von einer Affäre als vom Mut, eine solche zu wagen.

Die Hindernisse davor vermittelt eine opulente Bildsprache in jedem Detail der perfekt rekonstruierten Eisenhower-Ära, die für die Gefühle der weiblichen Hauptfiguren nicht einmal einen angemessenen Begriff hat. Mehr als die vieldeutigen Dialoge sagen, verraten die Blicke zwischen Carol und Therese. Zum ersten Mal begegnen sie einander in der Spielwarenabteilung des Kaufhauses, wo die Hobbyfotografin Therese arbeitet. Scheinbar zufällig vergisst Carol einen Handschuh, den Therese ihr zusendet. Der Handschuh ist eine diskrete Einladung in Carols Welt. Ein Dinner, zu dem sie Therese zum Dank für deren Aufmerksamkeit ausführt, besiegelt die unausgesprochene Leidenschaft. Die äußerlich so verschiedenen Frauen teilen mehr als es der unsicheren Therese, die Carol in Pelz und teure Kostüme gehüllt mit den Augen verschlingt, möglich scheint. Beide sind einsam, sowohl mit ihren (Ex-)Partnern als auch auf den Partys, die sie pflichtschuldig besuchen. Ihre Bedrücktheit betäuben Alkohol, Zigaretten oder Tagträume. Beiden wird die Einsamkeit zur Weihnachtszeit besonders schmerzlich bewusst. Die von Kommerz und Etikette bestimmte Umtriebigkeit um die Protagonistinnen macht deren Isolation in der Menge unmittelbar greifbar.

Carol (2015) Die Ausstattung des präzisen Zeitbilds ist so vollkommen, wie es die geschiedene Mutter Carol in Thereses Augen scheint. Fast erstickt die Handlung daran, wie das Liebespaar an der ihm auferlegten Diskretion. Die Steifheit der Schaubilder wird zur kongenialen Metapher. Die aufgesetzte Korrektheit symbolisiert moralische Verklemmtheit. Diese erstreckt sich klassenübergreifend von Carols erfolgreichem Ex-Ehemann Harge (Kyle Chandler) bis zum einfachen Angestellten-Milieu um Therese. Ihr seichter Freund Richard (Jake Lacy), der hartnäckig mit Heiratsplänen drängelt, wirkt wie eine jüngere Version von Harge, der die Scheidung nicht akzeptieren will. Beide Männer haben etwas Jugendhaftes und glauben, sie könnten die Distanzierung der Partnerin mit Trotz überwinden. Doch auch bei den unsympathischen Figuren legt Drehbuchautorin Phyllis Nagy Wert auf differenzierte Charakterisierungen. Die größte Aufmerksamkeit schenkt ihre feinfühlige Adaption von Patricia Highsmiths Roman "The Price of Salt" jedoch den sozialen Zwängen, denen die Protagonisten zu entsprechen versuchen oder denen sie entkommen wollen. Die Flucht ist bei dem von Mara und Blanchett brillant verkörperten Paar eine buchstäbliche. Über die Feiertage fahren sie von Motel zu Motel, als könnten sie den Rest der Welt hinter sich lassen.

Doch dem gesellschaftlichen Wertesystem können sie unmöglich entkommen, ebenso wie rund 13 Jahre zuvor Julianne Moore in Haynes' "Dem Himmel so fern". An jenen Film erinnert das subtile Liebesdrama im besten Sinne, nicht nur aufgrund der ähnlichen Prämisse und Handlungsepoche. Doch die Zeiten ändern sich, sogar in Hollywood. Das beweist zum einen die psychische Stärke, zu der die Charaktere finden. Zum anderen beweist es der Umstand, dass dort ein Film wie "Carol" überhaupt entstehen konnte.  

Lida Bach / Wertung: * * * * * (5 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Wilson Webb / DCM Film Distribution

 
Filmdaten 
 
Carol (2015) (Carol (2015)) 
 
GB / USA / Frankreich 2015
Regie: Todd Haynes;
Darsteller: Rooney Mara (Therese Belivet), Cate Blanchett (Carol Aird), Sarah Paulson (Abby Gerhard), Cory Michael Smith (Tommy), Kyle Chandler (Harge Aird), Jake Lacy (Richard), John Magaro (Dannie), Carrie Brownstein (Genevieve Cantrell), Kk Heim (Rindy Aird) u.a.;
Drehbuch: Phyllis Nagy nach Patricia Highsmiths Roman "The Price of Salt"; Produzenten: Elizabeth Karlsen, Tessa Ross, Christine Wachon, Stephen Woolley; Kamera: Edward Lachman; Musik: Carter Burwell; Schnitt: Affonso Gonçalves;

Länge: 118,35 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; ein Film im Verleih der DCM Film Distribution GmbH; deutscher Kinostart: 17. Dezember 2015



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Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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