03.11.2010
Unfreie Radikale

Carlos - Der Schakal


Carlos - Der Schakal: Édgar Ramírez Es ist heute kaum noch vorstellbar, weil schon lange her: Bereits vor Osama Bin Ladens Al-Qaida gab es einen Europa in seinen Grundfesten erschütternden Terrorismus. Exemplarisch stand für ihn ein Mann, der nicht aus Europa stammt: Ilich Ramírez Sánchez, besser bekannt als Carlos. Sein berühmtester Anschlag: der Überfall auf das OPEC-Hauptquartier in Wien 1975.
Regisseur Olivier Assayas zeichnet Carlos' Werdegang als Terrorist in allen Einzelheiten nach bis zur Verhaftung 1994. Bis zu fünfeinhalb Stunden Kino lohnen sich, weil man Einblick in die Organisation des Terrors erhält und Hauptdarsteller Édgar Ramírez sehr überzeugt.

Am 2. November 2010 erhielt das Berliner Bundeskanzleramt eine Paketbombe, die, wäre sie hochgegangen, Menschen zumindest verletzt hätte. Noch am selben Tag wurde der Verdacht geäußert, ausnahmsweise nicht Al-Qaida, sondern griechische Linksradikale würden hinter dem Anschlagsversuch stecken. Dies geschah zwei Tage vor dem deutschen Kinostart von "Carlos – Der Schakal", womit der Film noch aktueller wirkt, als es durch Al-Qaida ohnehin der Fall ist. Da ist er wieder, der Terrorismus von selbsternannten Revolutionären linker Hand, den Olivier Assayas' Film so ausführlich beschreibt.

Carlos - Der Schakal: Alexander Scheer, Nora von Waldstätten, Édgar Ramírez Zigaretten, Zigaretten. Überall und immer, in nahezu jeder Szene des Films wird geraucht. Offensichtlich sind Revoluzzer gestresst. Ja, sie sind es, zeigt der Film, der von Édgar Ramírez dargestellte Carlos hat viel vor. Sein Engagement gilt zunächst der PFLP, der "Volksfront zur Befreiung Palästinas". Nach seinem dortigen Rausschmiss macht er sich als Terrorist selbständig zusammen mit Mitgliedern der deutschen "Revolutionären Zellen". Diese werden von deutschen Schauspielern verkörpert: unter anderen Alexander Scheer als Johannes Weinrich, Christoph Bach ("Dutschke") als eher sensibler Hans-Joachim Klein, Julia Hummer ("Die innere Sicherheit") als besonders fanatische Gabriele Kröcher-Tiedemann sowie Nora von Waldstätten ("Schwerkraft") als unterkühlt auftretende Magdalena Kopp, die zunächst mit Weinrich zusammen ist und dann Ehefrau von Carlos wird. Privatleben und Mordlust, beide Facetten im Leben des Carlos schildert Olivier Assayas akribisch, wobei der Regisseur historische Genauigkeit zwar anpeilt, die Handlung aber der die Gewalt exzessiv lebenden Hauptfigur unterordnet.

Carlos - Der Schakal: Filmplakat Auf fünfeinhalb Stunden dehnt Assayas den Film, wobei viele Szenen zum Beispiel so ablaufen: Carlos kommt in die Wohnung einer seiner vielen Freundinnen. Mit dabei hat er einen Koffer. Kannst du den Koffer verstecken? Frag nicht, was drin ist. Wenn du verhört werden solltest, ist es besser, du weißt nicht, was drin ist. Oder in vielen Szenen wird diskutiert, debattiert, geraucht. Leerlauf? Gibt es nicht in diesen 330 Minuten, wobei es auch eine dreistündige Version gibt, nur sollte man die Langfassung vorziehen, da die kürzere in vielerlei Hinsicht unverständlich sein soll (der Autor dieser Rezension kennt nur die längere Fassung). Olivier Assayas gelingt es tatsächlich, keinen Leerlauf herzustellen, da er sich um den Stoff wirklich bemüht: Er macht den Terror und die Logistik hinter den Anschlägen plastisch, fühlt dessen Exekutor Carlos in der durch seinen Machismo begründeten Amoral auf den Zahn, erreicht, dass der Zuschauer viel über die Wesensart eines an seinen Prinzipien festhaltenden Top-Killers erfährt. Und Édgar Ramírez als Ilich Ramírez Sánchez ist dabei pure sex: Der Schauspieler, der wie Carlos aus Caracas / Venezuela stammt, tritt zwar wie eine Che-Guevara-hafte Ikone auf – siehe Filmplakat –, ist aber durch seine aggressiven Verhaltensweisen nie sympathisch. Eine Meisterleistung von Ramírez, auch dank des Regisseurs. Alexander Scheer als Johannes Weinrich besetzt zu haben, ist hingegen fast problematisch für den Fall, dass das Publikum sich an Scheers Darstellung eines bleichen Jünglings im Film "Sonnenallee" vor elf Jahren erinnert. Aber dies gilt nicht für das internationale Publikum – der Film wurde bei den Filmfestspielen in Cannes 2010 vorgestellt, und für dieses Publikum spielt Scheer den Linksradikalen, der als rechte Hand Carlos' als Letztverbliebener am Schluss des Films loyal bleibt, bemerkenswert. Carlos und seine Leute als tragische Antihelden sind dann auf der Suche nach sich selbst, nachdem der Kalte Krieg zu Ende ist, ihnen damit die Aufträge abhanden gekommen sind und sie nicht mehr wissen, wo sie noch sicheren Unterschlupf finden können. Unfreie Radikale.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: NFP

 
Filmdaten 
 
Carlos - Der Schakal (Carlos the Jackal) 
 
Frankreich / Deutschland 2010
Regie: Olivier Assayas;
Darsteller: Édgar Ramírez (Ilich Ramírez Sánchez alias Carlos), Nora von Waldstätten (Magdalena Kopp), Alexander Scheer (Johannes Weinrich), Christoph Bach (Hans-Joachim Klein), Julia Hummer (Gabriele Kröcher-Tiedemann alias Nada), Aljoscha Stadelmann (Wilfried Böse), Jule Böwe (Christa Margot Fröhlich), Katharina Schüttler (Brigitte Kuhlmann), Ahmad Kaabour (Wadi Haddad), Udo Samel (Bruno Kreisky) u.a.; Drehbuch: Olivier Assayas, Dan Franck; Produktion: Film en Stock in Co-Produktion mit Egoli Tossell Film; Produzenten: Daniel Leconte, Jens Meurer, Judy Tossell; Kamera: Yorick Le Saux; Schnitt: Luc Barnier, Marion Monnier;

Länge: 330 Minuten oder 187 Minuten; FSK: ab 16 Jahren; ein Film im Verleih von NFP; deutscher Kinostart: 4. November 2010



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Zitat

"Filme Deine Morde wie Liebesszenen, und filme Deine Liebesszenen wie Morde."

("Film your murders like love scenes, and film your love scenes like murders.")

Regisseur Alfred Hitchcock

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