23.11.2013

Captain Phillips


Captain Phillips Noch bevor Jack Sparrow und Captain Barbossa 2003 die Leinwände enterten, wurden sie von der Realität überholt. Schon ein Jahr früher hörte man die ersten Berichte von Piratenangriffen auf Frachtschiffe vor der Küste Somalias und viele rieben sich verwundert die Augen. Piraten waren plötzlich real, aber sie kämpften nicht mit Säbeln um Gold und schöne Frauen, sondern mit alten russischen Maschinengewehren um Frachtschiffe und Lösegelder. In "Captain Phillips" wird der Überfall auf die "Maersk Alabama" aufgegriffen, deren namensgebender Kapitän von Tom Hanks gespielt wird.

Die eigentliche Übernahme des Schiffes durch die somalischen Piraten ist bei Weitem nur der Einstieg in die Handlung. Von dem Moment an, in dem die Brücke der Alabama gestürmt wird ist klar – Im Kern ist "Captain Phillips" ein Film über zwei Männer und ihre Crews, die stellvertretend für den gesamten Konflikt am Horn von Afrika stehen. Hier stehen sich nicht nur Zivilisten und Piraten gegenüber. Es geht um viel mehr.

Captain Phillips Zum Beispiel um Macht. Was ist Macht und wie erlangt man sie? In den Kreisen der Piraten ist dies offenbar durch List, Gewalt und Ressourcen möglich. Doch Muse (Barkhad Abdi), der Kapitän der Piraten, ist keiner der Machthaber. Er träumt von Amerika und einem freien Leben mit einer Zukunft. In seiner Situation ist die Piraterie der einzige Weg, um diesem Traum ein Stück näher zu kommen. Wie verheerend sich derart ausweglose Situationen entwickeln können, erkennt er leider viel zu spät. Er ist zu weit gekommen, um noch aufzuhören, gesteht er gegen Ende des Films ein. Dass er als Gefangener in die USA kommt, ist eine Ironie des Schicksals, die an Tragik kaum zu überbieten ist.

Viel Wert legt der Film auf seine Dialoge. Schon das sehr frühe Gespräch zwischen Phillips und seiner Frau unterstreicht dies. Die Unterhaltung über die komplizierte Zukunft der Kinder des Paares wirkt trivial. Im Gesamtkontext ist sie jedoch eine erschreckend passende, wenn auch krass abstrahierte Version der Situation der somalischen Jugend. Beide müssen in einer zunehmend globalen und schnelllebigen Welt ihren Platz finden. Dass der somalischen Jugend dabei noch weniger Türen offen stehen, steigert die Brisanz des Themas exponentiell.

Captain Phillips Mit diesen ruhigen Dialogen ist es aber sehr schnell vorbei. Förmlich spürbar ist, wie die Situation bald nur einen Wimpernschlag von der Eskalation entfernt ist. Und obwohl die Piraten über Waffen verfügen, ist die Besatzung der Alabama zunächst wegen ihrer Kenntnisse des Schiffes im Vorteil. Dass dieser Vorteil zumindest einen Teilsieg bedeutet, könnte problemlos aus "Die Kunst des Krieges" stammen. Noch dramatischer wird es etwa ab dem zweiten Drittel des Films, das sowohl technisch als auch inhaltlich Fahrt aufnimmt und auf das furiose Ende zusteuert. Als drei Kampfschiffe hinter dem kleinen Boot der Piraten zu sehen sind, drängt sich eine Parallele zum Gesamtkonflikt quasi auf. Auch wenn die Piraten immer wieder kleine Erfolge feiern können - In letzter Konsequenz werden sie gegen eine eingespielte, hoch technisierte Maschinerie nicht gewinnen können.

Bemerkenswert ist vor allem, wie trotz der eindeutigen Rollenverteilung vor allem der Piratenkapitän konsequent als zerrissene Persönlichkeit dargestellt wird. Zu keinem Zeitpunkt wirkt er als grundlos böse. Aus tollen Dialogen und hervorragenden Schauspielern spinnt Regisseur Paul Greengrass Seemannsgarn, das über 130 Minuten eine konstant hohe Spannung hält. Ein rundum überzeugendes Filmerlebnis, nicht nur für Seebären.  

Hendrik Neumann / Wertung: * * * * * (5 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Sony Pictures

 
Filmdaten 
 
Captain Phillips (Captain Phillips) 
 
USA 2013
Regie: Paul Greengrass;
Darsteller: Tom Hanks (Captain Richard Phillips), Barkhad Abdi (Muse), Barkhad Abdirahman (Bilal), Faysal Ahmed (Najee), Mahat M. Ali (Elmi), Michael Chernus (Shane Murphy), Catherine Keener (Andrea Phillips), David Warshofsky (Mike Perry), Corey Johnson (Ken Quinn), Chris Mulkey (John Cronan), Yul Vazquez (Captain Frank Castellano) u.a.;
Drehbuch: Billy Ray basierend auf dem Buch "A Captain's Duty: Somali Pirates, Navy SEALS, and Dangerous Days at Sea" von Richard Phillips und Stephan Talty; Produzenten: Dana Brunetti, Michael De Luca, Scott Rudin; Kamera: Barry Ackroyd; Musik: Henry Jackman; Schnitt: Christopher Rouse;

Länge: 134,06 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der Sony Pictures Releasing GmbH; deutscher Kinostart: 14. November 2013



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Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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