12.08.2016
Wahrheit und Kindererziehung

Captain Fantastic
- Einmal Wildnis und zurück


Captain Fantastic - Einmal Wildnis und zurück Dieser zweite Spielfilm des Regisseurs Matt Ross (u.a. auch Schauspieler) setzt qualitativ höhere Maßstäbe für seine kommenden Werke. Wenn auch der missglückte Titel eher an einen Comic-Superhelden denken lässt, so steckt dahinter etwas völlig anderes: die Suche nach dem besten Lebensentwurf, nach Wahrheit, nach Offenheit in der Kindererziehung, nach dem Erhalt von Menschenrechten, nach Freiheit und Werten für das ganze Leben. Die Gegenüberstellung einer radikalen Lebensentscheidung des völligen Rückzugs aus der Zivilisation und Jahre später die Konfrontation mit der "schönen neuen Welt", die da draußen existiert, ist ein überwiegend unangenehmes Spiegelbild unserer heutigen Gesellschaft.

Nachdem Ben sich mit Frau und Kindern in der Wildnis des Pazifischen Nordwestens (nördlich von Kalifornien) für einen langjährigen Abschied von der Zivilisation entschied, investierte er alle seine körperlichen und geistigen Fähigkeiten, um seine zwei Töchter und vier Söhne im Felswändeerklimmen, Jagen, Wild Ausnehmen, Kochen oder Gärtnern zu unterrichten. Nach strengen Plänen findet Unterricht auf besonders hohem intellektuellem Niveau statt, die Kinder lernen, zu analysieren, zu reflektieren und sich eine Meinung zu bilden – dafür steht eine gut ausgestattete Büchersammlung zur Verfügung. Menschenrechte werden gefeiert – zum Beispiel in Form des erfundenen "Noam Chomsky Day". Buddhismus und abstrakte Mathematik, Maoismus und Literatur (z.B. Nabokovs "Lolita"), Geschichte und das Bedienen von Musikinstrumenten stehen alle auf dem Unterrichtsplan. Als die Mutter stirbt, kehren Ben und seine Kinder in die "Zivilisation" zurück, wo sie heftiger Gegenwind ob des Aussteigertums erwartet. Ben scheut nicht die argumentative Auseinandersetzung mit anderen Familienmitgliedern und nennt die Dinge beim Namen, was zur Vertiefung der Konflikte führt.

Captain Fantastic - Einmal Wildnis und zurück Neben der überzeugenden schauspielerischen Darbietung – vor allem von Viggo Mortensen (Ben) und George MacKay (ältester Sohn, Bo) – haben wir es mit einem differenziert geschriebenen Drehbuch zu tun, die Dialoge sind pointiert und präzise, ohne Schnörkel. Die zittrige Handkamera erfreut nicht immer, da hätte auch eine konservative Kameraführung gereicht. Die gut durchdachte Ausstattung ist gelungen, wenn auch manchmal zu offensichtlich. Das nachdenkliche Gesicht Bens, die tiefen Furchen in seinem Gesicht, der durchgestandene Schmerz und das tapfere Ertragen eines herausfordernden Schicksals bleiben im Gedächtnis. Viele Fragen des Films bleiben am Ende unbeantwortet, denn es muss sich einiges neu finden, was nur in der Andeutung stecken bleibt. Der Film rüttelt an Selbstgefälligkeit und Passivität, regt an zum Nach- und Überdenken, wirft Erziehungsfragen auf und stellt Lebensentwürfe infrage. Er stellt die Frage wie Veränderung bekämpft oder offen angenommen werden kann, und was Familie im Grunde genommen bedeutet.  

Hilde Ottschofski / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Universum Film

 
Filmdaten 
 
Captain Fantastic - Einmal Wildnis und zurück (Captain Fantastic) 
 
USA 2016
Regie & Drehbuch: Matt Ross;
Darsteller: Viggo Mortensen (Ben), George MacKay (Bo), Samantha Isler (Kielyr), Annalise Basso (Vespyr), Nicholas Hamilton (Rellian), Shree Crooks (Zaja), Charlie Shotwell (Nai), Trin Miller (Leslie), Kathryn Hahn (Harper), Steve Zahn (Dave), Elijah Stevenson (Justin), Teddy Van Ee (Jackson), Erin Moriarty (Claire), Missi Pyle (Ellen), Frank Langella (Jack) u.a.;
Produzenten: Monica Levinson, Jamie Patricof, Shivani Rawat, Lynette Howell Taylor; Kamera: Stéphane Fontaine; Musik: Alex Somers; Schnitt: Joseph Krings;

Länge: 119,38 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der Universum Film GmbH; deutscher Kinostart: 18. August 2016



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Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

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