15.10.2015
Ein Film auf dem Filmfest Hamburg 2015 (01.-10.10.2015), Sektion Kaleidoskop

Call Me Marianna


Call Me Marianna "Warum rufst du an", fragt eine erschöpfte Frauenstimme am Telefon, als Marianna zusammengekauert auf ihrer Couch im engen Zimmerchen hoffnungsvoll und erschrocken zugleich ihr Handy ans Ohr presst. "Einfach so, einfach als Mensch... schließlich habe ich heute Geburtstag", entgegnet sie mit schon leicht zitternder Stimme. Die Telefonleitung vermag die Entfernung zwischen den beiden nicht zu nivellieren. Die Frauenstimme ist Mariannas Mutter. Diese will eigentlich mit ihrem Sohn Wojtek sprechen, der, versehentlich in einem Männerkörper gefangen, den Ausbruch wagt. Die Zuschauer dürfen ihn in einer der wichtigsten Episoden auf dem Weg in ein Frauendasein begleiten und erfahren darin auch, welchen Weg Wojtek hinter sich bringen musste.

Die Regisseurin Karolina Bielawska wagt sich an ein schwieriges Thema: den Wechsel eines Geschlechts. Zunächst ist der Film als Fiktion angedacht, doch dank der Begegnung zwischen Bielawska und Wojtek bzw. Marianna erhalten die Zuschauer nunmehr einen noch weitaus bewegenderen, weil echten Einblick in die Gefühlswelt einer Person, die sich in ihrem Geschlecht nicht zurechtfindet, ja, sich fremd in der eigenen Haut fühlt. Der Dreh provozierte sicherlich noch mehr das Umfeld von Marianna, denn zu sehen sind nur enge Vertraute. Die Familie erscheint weitgehend wenn, dann meist nur am Telefon, weit weg und kaum greifbar. Ganz zu schweigen von Mariannas Arbeitsumfeld, in dem sie nur kurz als Zugführerin beim Beginn einer Fahrt durch Warschau gefilmt wird. Ein weiteres Zeichen der Abkehr ihrer Umwelt von der persona non grata.

Wie viel Schmerz muss ein Mensch in sich tragen, dass er seine Frau, Kinder, Eltern verlässt? Wie viel Kraft muss hinter einer Entscheidung stecken, dass ein Mensch fähig ist, mehrere Wochen in seinem Auto zu überwintern, weil er Geld für eine Operation sammelt? Wie groß muss das Verlangen nach Wandel sein, wenn bei einer Besprechung mit seinem Arzt die Unumkehrbarkeit einer Operation ein unheimliches Strahlen in den Augen des Menschen hervorruft? Bielawska führt ihre Zuschauer mit viel Gefühl durch die Welt der neuen Marianna, wobei sie nie die Personen direkt in die Kamera sprechen lässt. Der Zuschauer darf als unbeteiligter Dritter Gesprächen beiwohnen, die Marianna mit ihren engsten Vertrauten führt. Er sieht alte Familienvideos und darf Marianna bei ihren Arztterminen begleiten. Die Fragen, die man sich stellt, werden auf elegante Weise in einer Theaterprobe gestellt. Marianna sitzt am Tisch mit den beiden Schauspielern, die ihn als Mann mit seiner damaligen Frau verkörpern sollen. Zwischen den Dialogen steht Marianna Rede und Antwort für die beiden.

Eine zarte und beinahe intime Dokumentation ist es geworden, bei der man von den ersten Minuten an mit Marianna mitfiebert, ihren Schmerz aber auch ihre Freude spüren kann. Bielawska hat eine Nähe im Film geschaffen, die viel Menschlichkeit in das schwierige Leben der Protagonistin hereinbringt.  

Margarethe Padysz / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Film Republic

 
Filmdaten 
 
Call Me Marianna (Mów mi Marianna) 
 
Polen 2015
Regie & Drehbuch: Karolina Bielawska;
Produzent: Zbigniew Domagalski; Kamera: Kacper Czubak; Musik: Antony and The Johnsons, Natalia Fiedorczuk; Schnitt: Daniel Gasiorowski;

Länge: 75 Minuten; deutscher Kinostart: unbekannt



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Zitat

"Du bist kein Star, solange sie Deinen Namen in Wladiwostok nicht richtig schreiben können."

("You're not a star till they can spell your name in Vladivostok.")

Schauspieler Roger Moore (14.10.1927 - 23.05.2017)

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