17.02.2008

Bullitt

Zwanzig Jahre vor "Bullitt" verkörperte Humphrey Bogart in "Tote schlafen fest" den Privatdetektiv Phillip Marlowe. Schnell war Marlowe zum Archetypus des unkorrumpierbaren Detektivs geworden, das Urbild eines Mannes, der sich mit einer klar definierten inneren Moral von den Gangstern und der bestechlichen Polizei abgrenzte. Kern seines Ethos war es, seinen Klienten vor allen Gefahren zu schützen, selbst wenn dies bedeutete, eine Mörderin zu decken oder Polizeibeamte unter Druck zu setzen.

Mit Frank Bullitt (Steve McQueen) hat es die Figur des einzelgängerischen Private Eye nun in die Reihen der Polizei von San Francisco geschafft. Genau wie Marlowe fühlt er sich abgestoßen vom Verbrechen, das ihn umgibt. Im Gegensatz zu ihm ist Bullitt jedoch nicht zum abgebrühten Zyniker geworden. Das Verbrechen und die Gewalt um ihn herum lassen ihn vielmehr an seinem Beruf zweifeln, der die Beziehung zu seiner Freundin genau wie seine Friedfertigkeit immer wieder aufs Neue auf die Probe stellt.

Durch seine Aufnahme ins SFPD werden dem Detektiv nun auch nicht mehr korrupte Polizisten als Antagonisten gegenübergestellt. Hier sind es vielmehr die arroganten, erfolgsbesessenen Amtsinhaber, welche sich nicht um Menschenleben oder Gerechtigkeit, sondern nur um ihre eigenen politischen Ambitionen scheren.

So versucht Senator Chalmers Bullitt für den Auftrag zu gewinnen, einen Kronzeugen zu bewachen. Mit seiner Hilfe will er der Mafia einen herben Schlag versetzen und sich mit dem gewonnenen Prestige seine politische Zukunft sichern. Indem er von sich auf andere schließt, versucht er Bullitt mit der Aussicht zu locken, durch den Auftrag gesellschaftlich aufsteigen zu können. Den Detective motiviert jedoch nur sein professionelles Pflichtgefühl. Als der Zeuge von Killern aufgespürt und lebensgefährlich verletzt wird, macht es sich Frank zu seiner persönlichen Aufgabe, die Schützen aufzuspüren. Unabhängig von den Überlebenschancen seines Protégés, und damit der einzigen Motivation seines Auftraggebers, fahndet Bullitt nach der Geschichte hinter dem Attentat. Dabei wendet er sich zeitweise sowohl gegen Polizeiautoritäten, als auch gegen den Senator selbst. Die Suche nach der Lösung ist bei dieser Figur Selbstzweck, und nicht an Auftraggeber und Verhaltensrichtlinien gebunden.

So sicher sich der Protagonist bei seiner Suche auch sein mag, so zweifelt er in Momenten der Brutalität und der Gewalt doch immer wieder an seinem Job. Diese Momente des Zweifels sind in "Bullitt" oftmals mit Wassermotiven verbunden, die symbolisch als Spiegelfläche auf eine stattfindende Selbstreflexion hinweisen, oder Bullitts Wunsch nach Reinigung ausdrücken. Die für seinen inneren Konflikt zentrale Szene findet an einem See statt, der eine Reflexion seines Hauptkonflikts symbolisiert. Seine Freundin Cathy konfrontiert ihn hier mit den brutalen Elementen, die in seinem Leben ständig präsent sind. Die zweite Deutung der Wassermotivik kommt am Filmende zum Tragen. In seiner finalen Krise, der Entscheidung für seinen Beruf, oder für ein geregeltes, friedliches Leben mit seiner Freundin, wäscht sich Bullitt das Gesicht. In dieser Szene scheint er sich wie Pontius Pilatus von der Verantwortung für die Brutalität, die er während seines Auftrags anwenden musste, reinwaschen zu wollen. Zweifel seinem Beruf gegenüber verbinden ihn mit dem von Clint Eastwood verkörperten "Dirty Harry" Callahan. Dessen Entscheidung, die Polizeimarke von sich zu werfen ist jedoch von einem anderen Konflikt motiviert. Bullitts Bedenken sind moralischer Natur und rühren von seiner Ablehnung der Brutalität des Polizeiberufs her. Callahan jedoch denkt, dass ihn die ethischen Richtlinien der Polizei, das Verbot, ohne Durchsuchungsbefehl bei Verdächtigen einzudringen und Geständnisse unter Folter hervorzupressen, bei der erfolgreichen Arbeit im Dienste des Guten behindern. Hier eine kritische Reflexion, ob Gewalt jemals legitim sein kann, dort ein Plädoyer für Selbstjustiz und den Mann, der über dem Gesetz steht. Die wortkarge Inszenierung wird nicht nur von diesem moralischen Subtext, sondern gleichzeitig von einer Fülle filmästhetisch starker und symbolhafter Einstellungen aufgefangen und gleitet so niemals ins Langatmige ab. "Bullitt" versteht es wie kaum ein zweiter Polizeifilm, die filmische Möglichkeit wahrzunehmen, Handlungen, Charakterzüge und Zusammenhänge durch Bilder statt durch Worte abzubilden. Die legendäre Autojagd, der dynamischste Teil des Films, kommt komplett ohne Dialoge aus, zeigt die drei Akteure jedoch in einer beeindruckenden Anzahl von Gefühlslagen, die allein durch die Mimik erkennbar werden. Einer Verfolgungsjagd, die in diesem Maße sowohl die Schauspieler fordert, als auch das Publikum überzeugen kann, begegnet man selten im Kriminalfilm. So ist "Bullitt" im Endergebnis ein schauspielerisch anspruchsvoller Actionfilm, ein von einer dichten Handlung getragener Polizeifilm, das Psychogramm eines zweifelnden Cops, und damit auch eine moralische Diskussion von Polizeigewalt im Dienste der Gerechtigkeit. Eine starke Handlung, gute Schauspieler, tolle Bilder und eine ideale Balance schneller und langsamer Handlungsstränge machen den Film zum Meisterwerk und zeitlosen Klassiker.  

Niclas Heckner / Wertung: * * * * * (5 von 5)



Filmdaten

Bullitt
(Bullitt)
USA 1968
Regie: Peter Yates; Drehbuch: Alan R. Trustman, Harry Kleiner; Produktion: Philip D'Antoni; Ausführender Produzent: Robert E. Relyea; Kamera: William A. Fraker; Musik: Lalo Schifrin;
Darsteller: Steve McQueen (Bullitt), Robert Vaughn (Senator Chalmers), Jacqueline Bisset (Cathy), Don Gordon (Delgetti), Robert Duvall (Weissberg), Simon Oakland (Captain Bennet), Norman Fell (Baker), Georg Stanford Brown (Dr. Willard) u.a.

Länge: 114 Minuten; FSK: ab 16 Jahren



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