26.12.2007

Fußball und Militärregierung

Buenos Aires 1977

Argentinien und Fußball assoziieren eigentlich elegante Artistik und spielerische Lebensfreude: In diesem erschütternden Drama bildet Fußball den fatalen Rahmen: Während die Welt die Kunststückchen der Fußballspieler bei der WM 78 in Argentinien bejubelte, wurden von 1976 bis 1983 hinter den Kulissen Zehntausende verschleppt, gefoltert und über 30 000 Menschen ermordet.

Der Zweitliga-Fußballtorwart Claudio (Rodrigo De la Serna) wird von der Straße weg in ein Auto gezerrt und in eine abgelegene Villa verfrachtet, wo ein viermonatiger Albtraum beginnt: Demütigungen, Verhöre und Folterungen wechseln sich ab, immer neue Gefangene stoßen dazu, um wieder zu verschwinden. Urteile sind gefallen bevor konkrete Anklagen erhoben werden. Klar, Solidarität zwischen den Inhaftierten kann sich nur schwerlich entfalten, weil Mißtrauen und Todesangst herrschen. Wer unter ihnen hat sich politisch engagiert und wer ist hier der gedungene Denunziant mit der getäuschten Option auf Hafterleichterung? Verräter und Verratene im Hexenkessel der diktatorischen Systematik.

In "Buenos Aires 1977" („Crónica de una fuga“) schildert der aus Uruguay stämmige Regisseur Israel Adrián Caetano ein Drama aus der Zeit, als in Argentinien die Militärjunta geschätzte 30.000 Opfer forderte. Israel Adrián Caetanos rasant gefilmter Doku-Thriller bebildert mehr die Formen psychischer Folter und erhellt dabei jene diabolischen Mechanismen.

Das Furchtbare wird hier auf das Nötigste reduziert, denn Caetano fokussiert dabei meisterlich die beklemmende Einsperrung. Umso intensiver rückt dadurch den physischen, insbesondere den psychisch zermürbten Verfall der Gefangenen ins Zentrum dieser klaustrophobischen Hölle. Die Synthese aus Drama, Thriller und Dokumentation basiert auf einer wahren Begebenheit, eine von vielen, und behandelt das schwärzeste Kapitel der argentinischen Polit-Historie.

Der Film beginnt mit einem gewaltsamen Verhör von Claudios Mutter. Auf den Boden geworfen, soll sie den eigenen Sohn als „Terroristen“ denunzieren. Was hier gezeigt wird, waren tatsächlich die „Ermittlungs-Methoden“ dieser Ära. Dabei klebt die alles erfassende Kamera an den geschundenen Körpern. Schwarzblenden, die „ Zeit“ zeigen, geben nur eine fürchterliche Ahnung von der endlosen Dauer der Internierung. Als nach vier Monaten die Hinrichtung immer wahrscheinlicher wird, flieht Claudio mit drei anderen Gefangenen in einer wahnhaften Anwandlung von Überlebenswillen. Auf allen Vieren fast, den Wahnsinn in den Augen, wie ihn verfolgte Tiere auf einer Treibjagd haben. Menschen, denen sie begegnen, schauen weg, helfen nicht. Todesangst macht andere ebenso unmenschlich wie Gewalt und Marter.

Diese Folterära hat Argentinien langfristig traumatisiert; Caetanos verstörendes Doku-Filmdrama zollt den Opfern des Terror-Regimes Respekt und zelebriert ihren unbändigen Überlebens- und Freiheitswillen. Die „Chronik einer Flucht“ wird zum tragischen Requiem einer verratenen und verlorenen Generation.

 
Jean Lüdeke / Wertung: * * * * (4 von 5)



Filmdaten

Buenos Aires 1977
(Crónica de una fuga)
Argentinien 2006; Regie: Israel Adrián Caetano
Darsteller: Rodrigo De la Serna, Pablo Echarri, Nazareno Casero,
Produktion: Óscar Kramer, Victoria Murphy, Ricardo Peña



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"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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