13.03.2006

Umgesattelt

Brokeback Mountain

Brokeback Mountain Kein Film sorgt seit schon seit Wochen derart für Gesprächsstoff wie "Brokeback Mountain", die Geschichte der Liebe zwischen zwei schwulen Cowboys. Viele Menschen können den Film allerdings überhaupt nicht sehen, weil er in ihrem Land verboten wurde. Auf Festivals hingegen wurde er mit Preisen überhäuft. Regisseur Ang Lee wollte durch seinen Film die gesellschaftliche Haltung Schwulen gegenüber angeblich nicht kommentieren. Sicher ist ihm das Verdienst der filmhistorischen Innovation. Unter vielen Schwulen hat der Film jedoch die Hoffnung geweckt, dass die Leistung des Films diese theoretische Ebene übersteigt und er Schwulen eine breitere gesellschaftliche Akzeptanz verschafft – eine Hoffnung, die höchstwahrscheinlich enttäuscht wird.

Das Epos beginnt im Jahr 1963. Jake und Ennis treffen sich zufällig, als sie einen Job suchen und auch bekommen: Schafe hüten in den Bergen Wyomings. Als sie sich eine Nacht lang ein Zelt teilen müssen, kommen sie einander näher. Beide versuchen, ihre Gefühle und ihre Homosexualität zu verdrängen. Beide heiraten, haben später Kinder, und doch wird deutlich, dass sie so nicht glücklich werden. Sie beginnen, sich zu treffen – ein paar Mal im Jahr, bis Jack meint: „Es könnte immer so sein.“ Doch das ist leichter gesagt als getan, in einer Gesellschaft, die Schwule verachtet und zum Teil verfolgt.

Brokeback MountainDie filmhistorische Bedeutung besteht in der endgültigen Zerstörung des Cowboy-Klischees und geht über die sexuelle Orientierung der Cowboys hinaus. Bereits in den 60-er und 70-er Jahren wurde in Filmen wie „Little Big Man“ oder „Der letzte Scharfschütze“ das Mythos vom Wilden Westen angekratzt. Die Vorstellung vom romantischen Leben der harten Cowboys jedoch überlebte. Dieser Vorstellung gibt „Brokeback Mountain“ nun den Dolchstoß, indem der Film Cowboy-Mythen auflöst:

Auflösung von Cowboy-Mythen

Mythos 1: Cowboys trotzen jedem Wetter und schlafen unter freiem Sternenhimmel. In „Brokeback Mountain“ sind die Cowboys alles andere als wetterfest. Sie schlafen im Zelt. Als Ennis es doch einmal draußen probiert, bibbert er so laut, dass Jack im Zelt es hört und ihn hereinkommandiert.

Der Chef-Cowboy hat einen Bürojob.Mythos 2: Grenzenlose Freiheit. In „Brokeback Mountain“ arbeiten Jack und Ennis nicht deshalb als Cowboy, weil das Leben in der Zivilisation nichts für echte Männer ist, sondern aus finanzieller Not heraus. Sie haben einen Chef. Der wiederum erfüllt das Cowboy-Klischee perfekt, hat jedoch einen Bürojob (s. Foto).

Mythos 3: Essen für Männer. In „Brokeback Mountain“ heißt das Standard-Menü Bohnen aus der Dose, wobei den Cowboys selbst das Öffnen der Dose schwer fällt.

Mythos 4: „Kuh-Jungen“ hüten Kühe. „Brokeback Mountain“ degradiert Cowboys zu Schafhirten.

Andere Klischees bleiben jedoch erhalten: Jack und Ennis prügeln sich, trinken Whiskey, reden nicht viel und sind beliebt bei Frauen. Aber gerade weil Brokeback Mountain das Klischee in Teilen überleben lässt, kann der Film nicht als Satire abgetan, sondern muss ernst genommen werden, zumal die Liebesgeschichte schön und die Landschaft die bekannte, aber immer wieder Atem beraubende Westernkulisse ist.

Hoffnung, Jubel und Verbote - kontroverse Rezeption

Brokeback MountainAuf diesem Hintergrund ist die kontroverse Rezeption des Films zu sehen. China beispielsweise, das das taiwanesische Heimatland Ang Lees als Territorium beansprucht, lobte Lee als Beweis der „chinesischen Filmkunst“, verbot zugleich jedoch die Aufführung in weiten Teilen des Landes (1). Homosexualität ist ein Tabu im bevölkerungsreichsten Land der Welt. US-Präsident und Rancher George W. Bush antwortete auf die Frage, ob er sich den Film ansehen würde, er "würde liebend gern über das Ranch-Leben reden", er "habe davon gehört" und: "Ich hoffe, sie kehren zurück zur Ranch und zur Farm und das ist alles, was ich dazu sagen will" (2).

Im rheinischen Karneval, in dem Schwule durch Kostümierungen schon Männlichkeits-Stereotypen wie Sheriff und Bauarbeiter als „Echte-Kerle“-Unsinn desavouiert haben, waren in diesem Jahr auch Cowboys zu sehen - rosa Cowboys. Brokeback Mountain ist Thema und die Hoffnung vieler auf einen Akzeptanz-Transfer. Groß war daher die Enttäuschung, als der Film nicht den Oscar für den besten Film bekam. In San Francisco, dem amerikanischen Köln der Schwulenszene, wurde auf Oscar-Partys die Entscheidung der Jury als Zeichen der Schwulenfeindlichkeit angesehen (3).

FilmplakatIn Deutschland gibt es keine Ablehnung des Films von offizieller Seite her. Doch offizielle Stellungnahmen, seien sie von Bush, Merkel oder der Oscar-Jury, sind nicht entscheidend für die Akzeptanz, sondern die „normalen“ Menschen. Sie müssen nicht verstecken, was ein Präsident nicht in die Mikrofone sagen kann. Bewohner des ländlichen mittleren Westens der USA etwa meinten zum Film: „Ich bin als Cowboy aufgewachsen, in der Prärie in Kansas. Wenn sich so jemand in meinen Ort wagen würde, wäre das sicher keine gute Idee.“ Kinobesitzern wird unverhohlen mit Gewalt gedroht, sollten sie den Film zeigen. Eine der größten Kinoketten des US-Bundesstaates Utah hat den Film aufgrund von Protesten aus dem Programm genommen (4).

Schwulenwitze in deutschen Fußballvereinen

Deutsche Normalbürger würden sich in der Regel selbst nicht als schwulenfeindlich bezeichnen - was aber nichts über die tatsächliche Einstellung aussagt. Hierzulande feindelt es im kleinen Kreis. Schwulenwitze sind hier unter Teenagern, an Stammtischen und in Umkleideräumen von Fußballvereinen zu Hause. Im Land der Fußball-Weltmeisterschaft ist Schwulsein unter Fußballern ein Tabu - von der Kreisklasse bis zur Bundesliga.

Damit der Film die Ressentiments auflöst, müssten die Witzerzähler den Film sehen, nicht nur Staatsoberhäupter und Juroren. „Brokeback Mountain“ ist jedoch kein Western, den sich selbsternannte „echte Männer“ ansehen. Es sind vor allem Frauen und Schwule als Kinogänger auszumachen. Ein Film ist mit der Hoffnung, die viele Schwule an "Brokeback Mountain" haben, überfordert. Die Leistung von Brokeback Mountain ist daher – neben der Unterhaltung - vor allem eine filmhistorische.

 
Tobias Vetter / Wertung: * * * * * (5 von 5)

Quelle der Fotos: Tobis

Quellen zur Rezeptionsgeschichte (Auswahl):
(1,3) San Francisco Chronicle <09.03.06>
(2) Stern online <09.03.06>
(4) Norddeutscher Rundfunk <09.03.06>
Genauere Angaben folgen



Filmdaten

Brokeback Mountain

Originaltitel: Brokeback Mountain (USA 2004) 
Regie: Ang Lee;
Darsteller: Heath Ledger (Ennis Del Mar), Jake Gyllenhaal (Jack Twist), Randy Quaid (Joe Aguirre), Anne Hathaway (Lureen Newsome), Michelle Williams (Alma), Graham Beckel (L.B. Newsome), David Harbour (Randall Malone), Roberta Maxwell (Jacks Mutter), Anna Faris (LaShawn Malone), Linda Cardellini (Cassie), Scott Michael Campbell (Monroe), David Trimble (Basque), Valerie Planche, Kate Mara u.a.; Drehbuch: Larry McMurtry, Diana Ossana nach der Kurzgeschichte von E. Annie Proulx; Produktion: Murray Ord, Diana Ossana, James Schamus, Alberta Film Entertainment; Ausführende Produktion: Michael Costigan, Tom Cox, Michael Hausman, Larry McMurtry, William Pohlad, Jordy Randall; Co-Produktion: Scott Ferguson; Kamera: Rodrigo Prieto; Musik: Gustavo Santaolalla, Marcelo Zarvos; Länge: 134 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; Verleih: Tobis Film GmbH & Co. KG Kinostart Deutschland: 09.03.2006



Artikel empfehlen bei:  Mr. Wong Delicious Facebook  Webnews Linkarena  Hilfe

© filmrezension.de

home
  |  suche   |  wap  |  e-mail
 über uns  |  impressum  


 
Zitat

"Ich bin eine Hure, alle Schauspieler sind Huren. Wir verkaufen unsere Körper an den Meistbietenden."

("I'm a whore, all actors are whores. We sell our bodies to the highest bidder.")

William Holden

Drucken

Artikel empfehlen
Mr. Wong Delicious Facebook Webnews Linkarena 
Hilfe