01.07.2017

Brand Upon the Brain!

Auf der Berlinale 2007 hatte Guy Maddins experimenteller Stummfilm "Brand Upon the Brain!" seinen großen Auftritt: Mit musikalischer Live-Begleitung und einem Sänger, drei Geräuschemachern und Isabella Rossellini als Sprecherin hat er bestimmt groß was her gemacht. Zwei Jahre später kam das Werk regulär in die deutschen Kinos und obwohl Maddins Inszenierung durchaus interessant ist, hatte der fordernde Film es dort ungleich schwerer.

Ein frontaler, mit Ausrufezeichen versehener Angriff auf das Brain des Zuschauer(-Körper)s ist Maddins Film vor allem. Mit einer hemmungslos schnellen Melange aus Videoclip- und Stummfilm-Ästhetik rast das Experiment durch zwölf Kapitel, die mysteriöse Vorgänge in einem Waisenhaus aufdecken. Die Text-Inserts blitzen meist nur kurz, kaum lesbar auf und die konzentrierte, weibliche Erzählerstimme stolpert beinahe bei dem Versuch, dem Bilderstrom, der nur ab und an mal kurz inne hält, zu folgen. Die von Jump Cuts zusätzlich dynamisierte Schnittfrequenz ist dermaßen hoch, dass dagegen selbst der überdrehte Drogentrip "Spun" (2002) fast gemütlich wirkt. Allein ästhetisch ist "Brand Upon the Brain!" interessant: Als Spiegel der Zeit funktioniert er bestens und auf zahlreichen Ebenen. Er reflektiert den unablässigen Bilder- und Informationsstrom der Gegenwart und schließt das Publikum in diese Reflexion ein.

Nur leider ist "Brand Upon the Brain!" kein Film, sondern eher eine (erzählende) Collage oder Installation. Fürs Kinoformat hätte eine Viertelstunde der Machart völlig gereicht; mit seinen 95 Minuten Laufzeit überfordert Maddins Film die audio-visuelle Wahrnehmung schnell und nutzt sich daher ab. Zwischendurch gibt es zwar immer wieder Momente, die mit Humor, Schönheit oder Erhabenheit zu erneuter Aufmerksamkeit drängen, insgesamt aber verbreitet "Brand Upon the Brain!" eine zähe Art von Kopfschmerz. Kulturbeflissene Bildungsbürger adeln diesen in der Anlage sympathischen und klugen, letztlich aber gescheiterten Experimentalfilm womöglich als Kunst. Dumm nur, dass man die Berlinale-Vorstellung verpasst hat!

Anmerkung: "Brand Upon the Brain!" – wie in der deutschen Verleihfassung – mit Untertiteln zu versehen, verbietet sich übrigens ausdrücklich, da es die Rezeption nachhaltig verändert.



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn / Wertung: * * (2 von 5)



Filmdaten

Brand Upon the Brain!
(Brand Upon the Brain! A Remembrance in 12 Chapters)

Kanada/USA 2006
Regie: Guy Maddin;
Darsteller: Gretchen Krich (Mutter), Sullivan Brown (junger Guy Maddin), Maya Lawson (Sis), Katherine E. Scharhon (Chance Hale / Wendy Hale), Todd Moore (Vater), Andrew Loviska (Savage Tom), Kellan Larson (Neddie), Erik Steffen Maahs (älterer Guy Maddin), Cathleen O'Malley (Mutter, jung), Clayton Corzatte (Vater, alt), Susan Corzatte (Mutter, alt) u.a.;
Drehbuch: Guy Maddin, Louis Negin, George Toles; Produzenten: Amy Jacobson, Gregg Lachow; Kamera: Benjamin Kasulke; Musik: Jason Staczek; Schnitt: John Gurdebeke;

Länge: 95 Minuten; FSK: unbekannt; deutscher Kinostart: 17. Dezember 2009



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"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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