26.09.2002
Der Mann mit neuen Eigenschaften

Die Bourne Identität


Die Bourne Identität Ist die eigene Identität verlorengegangen, ist immerhin eines wiedergewonnen: die Unschuld. Um diese Aussage spinnt sich der kurzweilige Thriller "Die Bourne Identität", eine Verfilmung des gleichnamigen Agentenkrimis von Robert Ludlum. Ein junger Mann (Matt Damon) wird vor Marseille aus dem Meer gefischt. Mehr tot als lebendig, relativiert ein Gedächtnisverlust sein Wissen über die eigene Existenz. Die besten CIA-Killer treten bald gegen ihn an, also hat er, um zu überleben, nur eine Chance: Er muss die Vergangenheit rekapitulieren. Seine einzigen Anhaltspunkte, um zurückzufinden, haben mit seinem Körper und dessen Fähigkeiten zu tun: Er beherrscht zur eigenen Verblüffung zahlreiche Sprachen fließend, kennt Martial Arts-Kampftricks - und neben drei Kugeln steckt auch der Hinweis auf ein Schweizer Bankkonto in seinem Rücken. Matt Damon wird in dem Film von Franka Potente begleitet, wenn der von ihm gespielte Agent ohne Namen sich im Katz-und-Maus-Spiel zu bewähren hat, und siehe da: Die junge deutsche Schauspielerin weiß in ihrer ersten großen US-Hauptrolle einen Film mitzutragen. Nicht zuletzt ihretwegen ist "Die Bourne Identität" ein sehenswertes Kino-Ereignis.

Es ist schon ein ungewöhnlicher Agenten-Thriller, den der bisherige Independent-Filmer Doug Liman da inszeniert hat: Ausgerechnet in einer Zeit, in der Spionagetätigkeiten nach dem Ende des Kalten Krieges erneut an Bedeutung gewinnen und in der Hollywood-Maschine US-Patriotismus obenan steht, geschieht in "Die Bourne Identität" geradezu Anachronistisches. Ein amerikanischer Agent wird von seinen eigenen Leuten gejagt: Er weiß zu viel. Sein Problem ist aber: Er weiß in Wirklichkeit gar nichts. Nicht mehr. Aber das weiß die Gegenseite nicht. Ist darin eine wohldosierte Kritik an dem Misstrauen der Amerikaner gegen alle und jeden erkennbar? Wie auch im Motiv Amnesie, das Autor Ludlum seiner Figur eigentlich für die Zeit des Kalten Krieges zugeschrieben hatte: Das Buch, schon einmal mit Richard Chamberlain 1988 verfilmt, entstand 1980.

Gerade dann, als die Vereinigten Staaten den Siegeszug gegen den Terror ausgerufen haben und ein Zusammenstehen ihrer Bürger gegen das Böse verpflichtend aussprechen, so wie es zum Kinostart des Films aktuell der Fall ist, wirkt die Symbolik um einen amerikanischen Geheimagenten, der sich an seine Pflicht fürs Vaterland nicht mehr erinnern kann, gewagt. Und doch erfrischend Zeichen setzend. Wenn dies Limans Absicht gewesen sein soll, so kann man ihm Mut zollen. Und seinem respektablen Regietalent ein Überleben wünschen. Denn das kann Liman in der Tat, wenn er von einem jungen Mann erzählt, der Schritt für Schritt sein bisheriges Dasein wie ein Puzzle zusammensetzt: einer Thriller-Handlung Leben einhauchen.

Symbolträchtig wirkt Ludlums Roman schon an seinem Anfang, und Liman stellt dies ohne Relativierung in den Vordergrund, wenn ein "Agent ohne Namen" (so der deutsche Titel des Chamberlain-Films) von Fischern auf ihr Boot gezogen wird, also gewissermaßen neu geboren, aus dem Meer, also wie aus dem Fruchtwasser heraus geboren, sein Name sei Bourne, Jason Bourne, sagt der Film bald, wobei der Name "born" ausgesprochen wird. Drei Kugeln steckten im Rücken. Warum? Er weiß es nicht. Warum kann er sich mit den Fischern überhaupt französisch unterhalten? Er stellt über sich selbst fest: Er kann auch andere Sprachen fließend. Und die Körperkräfte, Martial Arts-Kampfsport-Tricks, woher kennt er die? Das weiß er nicht, aber er will es herausfinden. Im Körper steckt noch etwas anderes, diesmal absichtlich Implantiertes: Den Zugang zum Konto einer Züricher Bank. Dort angekommen, kennt er fortan wenigstens seinen Namen: Eben den Jason Bourne. Nein, er kennt viele Namen: Neben dem des britischen Passes gibt es noch sieben weitere in Pässen verschiedenster Länder. Selbst redend, dass er die Sprachen der Länder selbst redet. Die Ankunft in Zürich hat das CIA registriert, zeigt Liman nun. Schade für den Film, er verliert durch das nun folgende Wechselspiel Agenten-Zentrale in Langley / USA und dem quer durch Europa gehetzten Agenten, der mehr erfahren möchte, an Mysteriösität, die einen Thriller auszeichnen kann. Hitchcock hätte es anders gemacht, und zwar besser.

Killer werden auf Bourne angesetzt. Clevere Kampfmaschinen wie er. Kein Wunder, es waren Partner in selber Ausbildung. Aber er selber steht bald auch nicht mehr alleine da: Er weiß die Zufallsbekanntschaft Marie St. Jacques (Franka Potente) an seiner Seite. Oder gehört auch sie zu denen, die mehr wissen als er?

Ungewöhnlich ist "Die Bourne Identität" nicht nur wegen seiner unterschwelligen Gegenposition zum US-Patriotismus, sondern auch in der Hinsicht der Besetzung. Wann gab es das schon mal, dass eine junge deutsche Schauspielerin die weibliche Hauptrolle in einem amerikanischen Mainstream-Film spielen darf? Franka Potente ist in Hollywood angekommen. Nach ihrem kurzen, aber prägnanten Kurzauftritt an der Seite von Johnny Depp in "Blow" trägt sie erstmals einen US-Film ganz mit. Denn sie ergänzt ihren Film-Partner Matt Damon zu einem glänzend in Szene gesetzten romantischen Paar. Zwar wird die auch in Übersee als Tom Tykwers rennende Lola bekannte Potente in diesem Film regelrecht domestiziert: In einer Szene werden ihrer Figur Marie die roten Haare in bravere, konventionellere Gestalt schwarz gefärbt. Doch darf sie ganz unablässig, zwischen Zürich und Paris, auf deutsch fluchen.

Ihrer beider Pärchenbildung hat Stil: Damon, zum Zeitpunkt der Dreharbeiten weit über 30, wirkt als Bourne wie ein Teenager nicht unabsichtlich, und das kommt im Film gut an, auf Sinn-Suche, die sechs Jahre jüngere Potente als leicht wildes deutsches Zigeuner-Mädchen, das in die lebensgefährliche Geschichte unvermindert hineingeschlittert ist, und zur Bewährung in den anstehenden Krisen-Situationen erst den kühlen Kopf erst lernen muss, sowieso, womit Limans Absicht klar wird: Beide suchen als Paar den spätpubertär wirkenden Neubeginn, ohne Spionage-Abenteuer, sondern in Liebe. Um die Intention zu verdeutlichen, stellt Liman den beiden den Twen Julia Stiles als Pariser CIA-Chefin entgegen, wobei diese Jungdarstellerin in ihrer Rolle erstaunlich blass bleibt. Man könnte da Liman Absicht in dieser Vernachlässigung unterstellen, um den Kontrast zu den beiden Hauptfiguren zu akzentuieren: Des Regisseurs Vorliebe gilt den Liebenden, den zum Ausstieg aus der Agenten-Hatz Bereitwilligen, nicht der ebenfalls jungen Frau, die doch sehr allein gelassen wirkt. Agenten märtyrern einsam.

Auf die Figur des CIA-Killers "Professor", ebenfalls ein Einzelgänger seiner Branche, sei besonders hingewiesen. Er wird von Clive Owen dargestellt, bekannt geworden durch die Titelrolle im Film "Croupier" sowie durch "Gosford Park". Zum Kinostart von "Die Bourne Identität" geht das Gerücht durch die Kino-Szene um, er sei als Nachfolger von Pierce Brosnan als James-Bond-Darsteller auserkoren. Demzufolge würde Owen nach diesem Film dem Leinwand-Agentenmilieu treu bleiben.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle des Fotos: UIP

 
Filmdaten 
 
Die Bourne Identität (The Bourne Identity) 
 
Tschechien / USA 2002
Regie: Doug Liman; Drehbuch: Tony Gilroy, William Blake Herron nach dem gleichnamigen Roman von Robert Ludlum;
Darsteller: Matt Damon (Jason Bourne), Franka Potente (Marie St. Jacques), Chris Cooper (Conklin), Clive Owen ("Professor"), Brian Cox (Ward Abbott), Adewale Akinnuoye-Agbaje (Wombosi), Gabriel Mann (Zorn), Walt Goggins (Techniker), Josh Hamilton (Techniker), Julia Stiles (Nicolette), Orso Maria Guerrini (Giancarlo), Tim Dutton (Eamon), Denis Braccini (Picot), Nicky Naude (Castel), David Selburg (Marshall) u.a.
Produzenten: Patrick Crowley, Richard N. Gladstein, Doug Liman; Ausführende Produzenten: Robert Ludlum, Frank Marshall, David Minkowski, Matthew Stillman; Co-Produzent: Andrew R. Tennenbaum; Originalmusik: John Powell; Kamera: Don Burgess, Daniel Mindel, Oliver Wood; Schnitt: Saar Klein; Casting: Joseph Middleton;

Länge: 119 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von United International Pictures; Film-Homepage: http://www.die-bourne-identitaet.de



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Zitat

"Ich war sehr erfolgreich damit, ein totaler Idiot zu sein." (über seine Karriere)

"Ich schaue die Welt mit Kinderaugen an." (über die Bewahrung seiner Kindlichkeit)

US-Komiker Jerry Lewis (16.03.1926-20.08.2017)

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