28. November 2006

Was wissen Sie über Kasachstan?


Borat


Borat

Ein windig aussehender Typ mit schlechtem Englisch kaspert sich durch die Medien - und wird für voll genommen. Der britische Komiker Sacha Baron Cohen erfand nach seinem "under class"-Proleten Ali G eine weitere Kunstfigur: Borat. Als kasachischer Reporter im Dienste seines Präsidenten will er Propaganda für die "ruhmvolle Nation Kasachstan" betreiben. In Wirklichkeit entlockt er mit den Fragen eines kulturell rückständigen Fremdlings seinem Gegenüber Belegstellen für die große Enzyklopädie der menschlichen Dummheit.



Einer der lehrreichsten Filme über Politik ist nicht zufällig eine Satire. In Barry Levinsons "Wag the Dog" gerät ein US-Präsident nach kurzem Intermezzo mit einer minderjährigen Pfadfinderin in Erklärungsnöte. Um die 15 Leitartikel Aufmerksamkeit von dem angeschlagenen Präsidenten abzulenken, inszeniert ein Aufgebot zynischer Medienleute einen Krieg mit Albanien. Als eine von ihnen fragt, warum gerade Albanien, bekommt sie die Gegenfrage: "Was wissen Sie über Albanien?"

Borat

Ignoranz ist, mit George Orwell gesprochen, eben doch eine Stärke. Und so verwundert es nicht, wenn dieser Tage ein windig aussehender Typ sich mit schlechtem Englisch durch die Medien kaspert - und für voll genommen wird. Als kasachischer Reporter im Dienste seines Präsidenten will er Propaganda für die "ruhmvolle Nation Kasachstan" betreiben. Borat ist sein Name und in den USA haben sein gleichnamiger Film und seine öffentlichen Auftritte bereits einen diplomatischen Eklat zwischen Astana und Washington provoziert. Neben ungezählten Dementis sah Kasachstan sich unter anderem zu einer vierseitigen Richtigstellung in der New York Times genötigt - ein lächerliches Stück Selbstdarstellung und neues Futter für den Briten Sacha Baron Cohen, der die Kunstfigur Borat erfand.

Der Erfolg, den er mit dem kasachischen Hinterwäldler feiert, beweist zunächst vor allem eines: Cohens schauspielerisches Talent. In Großbritannien reüssiert er schon seit längerem mit dem "under class"-Proleten Ali G. Als Dreingabe dazu schlüpft Cohen abwechselnd in die engen Designklamotten des österreichischen homosexuellen Modereporters Bruno und das Sozialistengrau eben jenes Borat, der jetzt für so viel Trubel sorgt. Als vermeintlicher Kasache treibt er in den kurzen, billigst produzierten "Guide to UK" und "Guide to USA" schon seit längerem Schabernack mit britischen Neonazis, besoffenen Rednecks oder auch mal stockkonservativen Dekanen aus Cambridge: Mit den Fragen eines kulturell rückständigen Fremdlings entlockt er seinem Gegenüber unzählige Belegstellen für die große Enzyklopädie der menschlichen Dummheit. Der Eulenspiegel fuhr damit so gut, dass er wohl beschloss, die Clips auf abendfüllendes Spielfilmformat auszuwalzen. Das Ergebnis lässt den humoristischen Geigerzähler von peinlich bis brillant ausschlagen und besitzt ansonsten eine verdammt kurze Halbwertszeit.

Hätte Cohen sich entschieden, nur eine Reihe lose miteinander verbundener Videoclips, also einen "Guide to the US and A" in die Kinos zu bringen, er hätte es seinen Zuschauern deutlich leichter gemacht. Stattdessen versucht er sie mit eindeutiger Spielfilmhandlung zu einer Geschichte zusammenzuleimen. Vom Informationsministerium in Kasachstan wird Borat in die USA geschickt, um vom mächtigsten Land der Erde zu lernen. Nach einigen bisweilen brüllend komischen Eskapaden verfällt er jedoch auf die Idee, Pamela Anderson zum Zwecke der "sexy times" zum Weibe zu nehmen. So scheppert er mit seinem Produzenten in einem ausgedienten Eiswagen auf dem breiten Highway des Buddy- und Roadmovies gen Kalifornia.

Borat

Das Problem dieser saublöden Handlung ist, dass sie vor albernstem Slapstick nur so trieft und damit die eigentlichen Rosinenstücke des Films, jene Begegnungen im Stile der "Versteckten Kamera", in Frage stellt. Denn gerade ihre vermeintliche Authenzität - oder zumindest des Zuschauers Glaube daran - macht sie erst komisch: Wer lacht nicht, wenn Borat vor einem ganzen Stadion die Amerikaner für ihren "war of terror" lobt und sie sogleich applaudieren oder er Feministinnen ernsthaft erzählt, Frauen seien erwiesenermaßen dümmer als Männer, und sie empört den Raum verlassen? Wer mag aber über solche Reaktionen noch lachen, wenn er zuvor die offensichtlichen Spielfilmaufnahmen sieht, die in der gleichen billigen Handkamera-Ästhetik der Clips daherkommen?

Das ist schade, weil die "dokumentarischen" Passagen zumindest eine Zeit lang nicht nur lustig sind, sondern ein schönes Spiel mit unserer Aufklärung treiben. Dass Borats kasachisches Dorf in Rumänien liegt und seine Bewohner wohl Sinti oder Roma sind, tut nichts zur Sache, weil es Cohen nicht um mangelnde Zivilisation steinzeitlicher Witzstaaten geht, sondern um das Selbstverständnis der darüber urteilenden Beobachter. Das Lachen verdeckt lediglich die Scham, dass aufgeklärte Menschen im Vollbesitze ihrer geistigen Fähigkeiten Cohens Scharade aus Unkenntnis verbunden mit Vorurteilen und politischer Korrektheit für bare Münze nehmen. Wer da eigentlich der Zurückgebliebene ist, wird zu einer rhetorischen Frage und betrifft übrigens auch die Zuschauer selbst. Wenn der Antisemit Borat glaubt, dass seine jüdischen Gastgeber sich in Kakerlaken verwandelt hätten und sie zur Besänftigung mit Geldscheinen bewirft, man trotzdem lacht - ist das dann die berühmte Definition von Humor oder schon peinliche Preisgabe latenter Stereotype?

Für solche Fragen und eine Überdehnung der Lachmuskeln ist "Borat" allemal gut - in englischer Fassung. Sollten die auf „youtube“ kursierenden Clips allerdings schon bekannt sein, kann man sich den Film getrost sparen. Denn spätestens beim Abspann ist ein Grad der Übersättigung erreicht, den Cohen wohl kaum bedacht hat, als er kleinformatige Humoresken auf die große Leinwand warf.

 
Thomas Hajduk / Wertung: * * * (3 von 5)

Quelle der Fotos: 20th Century Fox


Filmdaten

Borat

(Borat: Cultural Learnings of America for Make Benefit Glorious Nation of Kazakhstan)

USA 2006
Regie: Larry Charles;
Darsteller: Sacha Baron Cohen (Borat); Mitwirkende u.a.: Pamela Anderson; Drehbuch: Sacha Baron Cohen, Anthony Hines, Peter Baynham, Dan Mazer; Produktion: Sacha Baron Cohen, Jay Roach; Ausführende Produzenten: Dan Mazer, Monica Levinson; Co-Produzent: Peter Baynham; Kamera: Anthony Hardwick, Luke Geissbühler; Musik: Erran Baron Cohen;

Länge: 80 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; deutscher Kinostart: 2. November 2006; ein Film im Verleih von Twentieth Century Fox of Germany




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<28.11.2006>  



Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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