07.05.2000

"It's the same old song..."

Blood Simple - Director´s Cut

Hitchcock wäre neidisch gewesen.
Die Coen-Brüder Ethan und Joel haben 1984 mit ihrem Debütfilm "Blood Simple" ein Meisterwerk vorgelegt, das seinesgleichen sucht. Suspense in Reinform. Doch wer wird sich den Film damals angesehen haben? Völlig gerechtfertigt bringen die mittlerweile etablierten Coens ihr frühes Werk 1999 noch einmal in die Kinos. Obwohl der sogenannte "Director's Cut" nur minimal von der ursprünglichen Fassung abweicht, so lohnt sich der Kinobesuch ohne Frage.

Zuviel sollte nicht von der Handlung verraten werden, denn die unerwarteten Wendungen machen einen großen Teil des Spaßes und der Spannung aus. Selbst der Zuschauer, der das Genre zu kennen glaubt und meint, immer alles vorhersehen zu können, wird sich bei diesem einfallsreichen Drehbuch bestimmt nicht langweilen. Es beginnt wie eine Art Ehedrama und endet als blutiger Psychothriller. Abby (Frances McDormand) ist in ihrer Ehe mit dem besitzergreifenden Marty (Dan Hedaya) nicht glücklich und wagt mit dessen Angestellten Ray (John Getz) einen Seitensprung. Das ist der Auslöser für die folgende Kette von Ereignissen, in der man sich nie sicher sein kann, wer Opfer und wer Täter ist. Der betrogene Ehemann, der seine Frau von einem schmierigen Detektiv (M. Emmet Walsh) beschatten ließ, beauftragt diesen nun, das Paar umzubringen. Doch der Auftraggeber mißtraut dem käuflichen Detektiv ebenso wie der ihm misstraut, und auch das frische Liebespaar hat kein gefestigtes Vertrauen zueinander...

Filme der Coen-Brüder sind nicht immer leicht verdaulich. Die Gewaltdarstellung ist zwar nicht oft explizit, aber psychologisch recht wirkungsvoll. Das im Titel erwähnte Blut fließt zwar, doch nicht literweise wie in so manchen Action- oder Splatterfilmen. Viel heftiger ist eigentlich das, was die Coen-Brüder ihren Figuren zutrauen. Da entpuppt sich z.B. der nette Zimmernachbar aus "Barton Fink" (1991) als wahnsinniger Serienkiller, der auch mal Menschen zerlegt. In "Fargo" (1996), ihrem erfolgreichsten Film (angeblich von einer wahren Begebenheit inspiriert), läßt ein naiver Mann seine Frau entführen, ohne sich viel dabei zu denken, und die Entführer haben keine Probleme damit, eine Leiche durch den Häcksler zu jagen.

Ähnlich übersteigert, aber dennoch nicht gleich unglaubwürdig, reagieren auch die Charaktere aus "Blood Simple", sobald sie unter Druck gesetzt werden. Das schwankt zwischen naturalistischer Darstellung und grotesker Übertreibung. Manchmal weiß man in Coen-Filmen nicht so recht, wann man lachen darf. Witze tauchen in den seltsamsten Momenten auf. Und in einigen Szenen wird eine schwer definierbare Stimmung aus Unbehagen, düsterer Absurdität und Situationskomik geschaffen. Selbst in der größtenteils beschwingten Komödie "Hudsucker"(1994) gibt es ein paar bedrohlich wirkende Szenen.

Doch zurück zum Director's Cut von "Blood Simple". Eine vergnügliche Ansage ist dem vorausgestellt. Der ältere, gutsituierte Sprecher erinnert an den Erzähler aus der "Rocky Horror Picture Show" und erklärt uns, die langweiligen Stellen seien aus dem Original herausgeschnitten worden. Die langweiligen Stellen?! Angeblich soll es sich um 4 Minuten handeln - doch wo sind die in der alten Fassung? Normalerweise wäre da Kritik fällig, wenn jemand sein altes Werk kaum verändert noch einmal auf den Markt wirft, um damit erneut Geld zu verdienen. Doch in dem Fall mag man es, wie gesagt, verzeihen.

Es ist einfach zu schön, die durchkomponierten Bilder auf der Kinoleinwand zu sehen, anstatt auf einem kleinen Bildschirm, wo die Details verlorengehen. Manches meint man woanders wieder zu entdecken, wie etwa bei David Lynchs "Wild At Heart" oder bei Danny Boyles "Kleine Morde unter Freunden" ("Shallow Grave"). Anders als z.B. diese Regisseure setzen die Coen-Brüder eher auf Langsamkeit als auf Schnelligkeit, was so manche einzigartige Kamerafahrt zur Folge hat. Für die Kamera war in "Blood Simple" Barry Sonnenfeld verantwortlich, der später nicht nur als Kameramann sondern auch als Regisseur große Erfolge verbuchen sollte ("Addams Family", "Get Shorty", "Men In Black"). Auch in den zwei folgenden Filmen der Coen-Brüder war er noch hinter der Kamera dabei.

Besonders fällt bei diesem Film die Farbkomposition ins Auge, es dominieren ein kühles Blau und hitzige Rottöne, selten auch Gelb. Das kann mit der typischen Neonlicht-Ästhetik der 80er zusammenhängen, wird allerdings überraschend konsequent durchgehalten. Auch sonst wird hier nichts dem Zufall überlassen. Geredet wird nicht allzu viel, die sparsamen Dialoge sind trocken bis markig. Es gibt mehrere "Running Gags" und Wiederkennungseffekte, die für die Handlung von Bedeutung sind. Nebengeräusche werden intelligent verwendet, so weiß der Zuschauer beim Piepsen des prähistorischen Computers sofort, wo er sich gerade befindet. Musik ist oftmals in die Handlung involviert, z.B. wenn die Jukebox spielt.

An das große Vorbild Alfred Hitchcock wird man mehr als einmal erinnert. In Martys Wohnung sind ausgestopfte Tiere wie etwa ein Wildschwein zu sehen - verweist das nicht schon auf einen Psychopathen? Doch davon gibt es hier ja mehrere. Ebenfalls wird Hitchcock auf dem Cover des Verleihvideos zitiert, wie langwierig und mühevoll ein Mord sei. Das konnten uns die Coen-Brüder mehr als einmal beweisen.  

Jessica Ridders / Wertung: * * * * * (5 von 5)



Filmdaten

Blood Simple - Director's Cut
(Blood Simple)

deutscher Alternativtitel: Blood Simple - Eine mörderische Nacht

USA 1984/1999

Regie: Joel Coen; Drehbuch: Joel Coen, Ethan Coen; Produktion: Ethan Coen; Kamera: Barry Sonnenfeld; Musik: Carter Burwell;
Darsteller: John Getz (Ray), Frances McDormand (Abby), Dan Hedaya (Julian Marty), M. Emmet Walsh (Loren Visser) u.a.

Länge: 95 Minuten; FSK: ab 16 Jahren

Auszeichnungen: Großer Preis der Jury beim Sundance Film Festival 1985, Independent Spirit Awards 1986 (Joel Coen als Bester Regisseur, M. Emmet Walsh als Bester Darsteller), Festival Internacional de Cinema do Porto (Fantasporto) 1986 (Publikumspreis für Joel Coen)



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Zitat

"Du bist kein Star, solange sie Deinen Namen in Wladiwostok nicht richtig schreiben können."

("You're not a star till they can spell your name in Vladivostok.")

Schauspieler Roger Moore (14.10.1927 - 23.05.2017)

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