04.06.2013
The Sound of SILENZIO

Berberian Sound Studio


"Eine neue Geräuschwelt erwartet Sie", eröffnet der aalglatte Regisseur Gianfranco Santini (Antonio Mancino) dem schüchternen Tontechniker Gilderoy (Toby Jones), den er für sein jüngstes Werk aus England engagiert hat. Das gleiche Versprechen gibt Peter Strickland dem Publikum seiner sinistren Symphonie aus Genre-Hommage und Psychothriller. Und beide Regisseure halten Wort.

Berberian Sound Studio: Toby Jones "Il Vortice Equestre" heißt die Produktion, die den gehemmten Klangkünstler aus dem bukolischen Idyll der Lehr- und Kinderfilme in das "Berberian Sound Studio" führt. Das Copyrightjahr, das auf einem dort entstandenen Filmstreifen aufflackert, ist 1976. Die blutige Filmschule des Giallo, die Regisseure wie Mario Bava mit "Blutige Seide" und Dario Argento mit "Suspiria" und "Vier Fliegen auf grauem Samt" prägten, hat ihre erste Blüte bereits überschritten. Produzenten wie der rigorose Francesco (Cosimo Fusco), der Gilderoy empfängt, steigern Gewalt, Sex und Schockeffekte, um das abgestumpfte Publikum zu halten. Sich auch nur zaghaft zu beschweren, verstößt an dem düsteren Arbeitsplatz gegen den guten Ton. Undenkbar für den Protagonisten, denn er besitzt einzig durch sein Werk so etwas wie eine Stimme. Sie wird Teil des Szenarios perverser Begierden und abseitiger Gelüste. Ist es bloß das Zelluloid-Szenario, für das die sperrigen und doch einfallsreichen Mittel der analogen Technik das Ausreißen von Fingern, Schinden nackten Fleischs und schließlich "das Einführen eines glühenden Eisens in die Vagina" simulieren?

Oder ist es das Alltagsszenario in der italienischen B-Movie-Schmiede, wo Sexismus und Monetarismus regieren? Der Begriff "Exploitation" gilt in den beklemmenden Fluren des Titelschauplatzes nicht nur für die Gialli, die dort entstehen, sondern das Angestelltenverhältnis. Die Synchronsprecherinnen Silvia (Fatma Mohamed) und Veronica (Susanna Cappellaro), die wie damals im Genrekino gängig nachträglich die Tonspur zum fertigen Bildmaterial liefern, müssen neben Francescos abfälligen Kommentaren Santinis Belästigungen erdulden. Das Anwerben attraktiver Sprecherinnen, von denen keine lange das erniedrigende Umfeld erträgt, übernimmt der junge Fabio (Salvatore Li Causi). Der Sohn eines "einflussreichen Regisseurs", dessen Kaprizen man wegen seines Vaters toleriert, sieht das Studio als Spielplatz. Der alternde Gilderoy, der in seinem Heimatort mit dem sprechenden Namen Dorking bei Mutter wohnt, erlebt sie als Folterkammer. In solch eine verwandelt er den Aufnahmeraum durch ein paar kleine Drehungen am Mischpult. Alles im Sinne der Produktion, versichert Francesco, der mittels der peinvollen Geräuschkulisse der Neubesetzung Elisa (Chiara D'Anna) einen effektvollen Schrei entlocken will.

Berberian Sound Studio: Filmplakat Der Film-im-Film, den das Zerhacken reifer Melonen, Abrupfen von Radieschen und Brutzeln von Speiseöl untermalt, bleibt ungezeigt und dennoch nicht unsichtbar. In Gilderoys verstörtem Blick spiegelt sich der Sadismus auf der Leinwand, die ihn schleichend absorbiert. Moralistische Abscheu weicht latenter Faszination, mit der Nachtseite der eigenen Kreativität und der filmischen Lautmalerei. "Vortice" heißt Strudel und seinem Sog entrinnt Gilderoy nicht. Angsttöne mysteriöser Frauen wie Silvia, das bedrohliche Faseln und Atmen der Nebenrollensprecher und suggestive Filmmusik werden zur Tonspur eines erregenden Alptraums, der langsam in die Realität sickert. Strickland spickt sein selbstverfasstes Drehbuch mit subtilen Hinweisen auf die phantasmagorische Natur der Geschehnisse, die mehr einer Collage bizarrer Sinneseindrücke als einem stringenten Plot gleichen. "Nennen Sie meinen Film nie wieder einen Horrorfilm", mahnt Santini den Tonkünstler. "Das ist das Leben. Das ist die menschliche Existenz!" Die Brutalität der Natur dringt von allen Seiten auf Gilderoy, der keiner Fliege etwas tun kann. Genauer: keiner Spinne.

Die krabbelt über das Tonpult als eines der von Strickland genüsslich zitierten Genremotive, die dem elliptischen Kammerspiel seinen visuellen Reiz verleihen. Im "Berberian Sound Studio", das die Handlung nie verlässt, begleiten akustischen Akzente intensive Farbdramaturgie und surreale Bilder: Sonometer, eine schwarz behandschuhte Hand, faulendes Gemüse und immer wieder das Schild "SILENZIO". Es leuchtet rot wie die Farbpalette von Argentos "Profondo Rosso", rot wie Blut, das fließen muss. Doch in der Synchronrealität ist der Tod nur ein stummer Schrei auf der unergründlichen Leinwand, von der Gilderoy ebenso wenig den Blick wenden kann wie der Zuschauer.  

Lida Bach / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Rapid Eye Movies

 
Filmdaten 
 
Berberian Sound Studio (Berberian Sound Studio) 
 
Großbritannien / Deutschland 2012
Regie & Drehbuch: Peter Strickland;
Darsteller: Toby Jones (Gilderoy), Tonia Sotiropoulou (Elena), Susanna Cappellaro (Veronica), Cosimo Fusco (Francesco), Antonio Mancino (Santini), Fatma Mohamed (Silvia), Guido Adorni (Giovanni), Chiara D’Anna (Elisa), Eugenia Caruso (Claudia), Lara Parmiani (Chiara), Salvatore Li Causi (Fabio) u.a.;
Produzenten: Mary Burke, Keith Griffiths; Koproduzent: Hans Geißendörfer; Kamera: Nicholas D. Knowland; Musik: Broadcast;

Original mit deutschen Untertiteln; Länge: 92,02 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der Rapid Eye Movies HE GmbH; deutscher Kinostart: 13. Juni 2013



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<04.06.2013>


Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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