01.12.2009 (publiziert)
01.09.2006 (geschrieben)

Der Rachefeldzug einer Schauspielerin

Being Julia

In István Szabós preisgekrönter Hommage an die Show-Welt der dreißiger Jahre begeistert Annette Bening als Theaterdiva zwischen Schein und Sein.
Auf dem Gipfel ihrer Karriere stürzt sich die frenetisch gefeierte Theaterschauspielerin Julia Lambert in eine leidenschaftliche Affäre mit einem Mann, der ihr eigener Sohn sein könnte. Als dieser sie dann zugunsten einer jüngeren Kollegin sitzen lässt, ersinnt Julia einen gerissenen Vergeltungsplan. Bei der Premiere einer neuen Komödie stehen beide Frauen gemeinsam auf der Bühne – und Julia hat alle Trümpfe in ihrer Hand...

London 1938: Julia Lambert (Annette Bening) ist der Star des Londoner Westends. Heiß und innig geliebt von ihrem Publikum, gefeiert und bejubelt von der Kritik, spielt sie allabendlich vor ausverkauften Sälen. Doch der Erfolg hat auch seine negativen Seiten: Julia fühlt sich leer, erschöpft und innerlich ausgebrannt. Von ihrem Ehemann und Agenten Michael Gosselyn (Jeremy Irons) erbittet sie sich daher eine kreative Pause, die sie für eine erholsame Urlaubsreise nutzen möchte. Doch dieser Vorsatz währt nicht lange, als sie eines Abends den jungen Amerikaner Tom Fennel (Shaun Evans) kennen lernt. Mit mädchenhaftem Enthusiasmus stürzt sich die Mittvierzigerin in eine schwärmerische Affäre mit dem charmanten Verehrer. Bei Tom findet sie die Leidenschaftlichkeit, die ihrer längst nur noch platonischen Ehe mit Gosselyn schon seit langem fehlt. In einer regelrechten Verliebtheitseuphorie wirft Julia alle Urlaubspläne über Bord und spielt sich auf der Bühne fortan in einen regelrechten Rausch hinein. Doch ihr Glück ist nur von kurzer Dauer: Als Fennel bei einer Sommerfeier die hübsche Nachwuchsschauspielerin Avice Crichton (Lucy Punch) kennenlernt, reagiert Julia mit unverhohlener Eifersucht. Verletzt in ihrer Eitelkeit liefert sie auf der Bühne die schlechteste Darbietung ihrer Karriere ab. Trotzdem willigt sie auf Fennels Bitte ein, Avice zu einer Rolle in ihrem neuen Stück zu verhelfen. Die vordergründig so verzeihend-freundliche Geste entbehrt allerdings nicht eines perfiden Hintergedankens: Nachdem Julia die Konkurrentin bei zahlreichen Proben zunächst in die Star-Rolle der neuen Komödie hineingedrängt hat, erlebt Avice am Abend der Premiere eine böse Überraschung: Julia hat einige Drehbuchänderungen vorgenommen! Der künstlerische Rachefeldzug der großen Actrice beginnt...

In "Being Julia" (deutscher Fernsehtitel: "Alle lieben Julia") erzählt Meisterregisseur István Szabó ("Mephisto") eine klassische Geschichte in erfrischend neuem Gewand: Eine Frau zwischen zwei Männern und ein Mann zwischen zwei Frauen – das ist die Grundkonstellation, mit der diese von der Kritik begeistert aufgenommene Theaterkomödie (Buchvorlage: W. Somerset Maugham) aufwartet. Doch dem Regisseur, das merkt man schnell, liegt wenig an den Klischees traditioneller Hollywood-Schnulzen. Stattdessen entwirft er mit "Being Julia" das schillernde und überaus fesselnde Psychogramm einer begnadeten Künstlerin, deren genialische Bühnendarbietungen ihre Kehrseite in einem problematischen Verhältnis zu Freunden und Familie finden. Denn genauso wie in ihren Rollen schlüpft Julia auch privat unentwegt in unterschiedliche Rollen, spielt sie abwechselnd Ehefrau, Geliebte, Freundin und Mutter. Im Geiste ständig begleitet von den Ratschlägen ihres väterlichen Schauspielmentors Jimmie Langton (großartig gespielt von Michael Gambon) flüchtet sich Julia permanent in antrainierte schauspielerische Rollenmuster. Auf diese Art und Weise aber wird ihre Persönlichkeit zu einem rätselhaften, stetig changierenden Vexierbild. Bühne und Leben vermischen sich und der Mensch Julia Lambert droht hinter seinen kunstvoll drapierten und gleichsam Schutz bietenden Masken auf ewig zu verschwinden. Erst als ihr der eigene Sohn Roger (Thomas Sturridge) eines Nachts erklärt, dass er schon als Kind seine Mutter nie habe wirklich wesensmäßig fassen können, setzt ein innerer Wandlungsprozess ein. Mit den ihr gegebenen Mitteln der Schauspielkunst beginnt Julia langsam mit der Aufarbeitung der eigenen Gefühle und macht die Bühne zum Schauplatz autobiographischer Selbstfindung. In einem fulminanten Finale werden Realität und Bühne eins, doch ist es nun die menschliche Authentizität, die sich mit all seinen Bedürfnissen und Emotionen über die reine Schauspielkunst erhebt.

Obgleich Annette Bening bereits vor ihrem Auftritt als Julia Lambert zu den international renommiertesten Schauspielerinnen Amerikas zählte (Oscar-Nominierungen für "Grifters" und "American Beauty"), gab ihr erst István Szabó die Gelegenheit zu beweisen, dass sie einen Film auch in der alleinigen Hauptrolle problemlos tragen kann. Ihre Darstellung als Theaterdiva in der Midlife-Crisis wirkt so überzeugend, dass man beinahe jede ihrer Gesten, jeden noch so winzigen Gesichtsausdruck am eigenen Leibe nachfühlt. Wenn sie so beispielsweise in den Armen Tom Fennels wieder zum verliebten Mädchen wird, dann transformiert sich ein Hauch diese Euphorie auch auf den Zuschauer. In einem Film über das Theater vermittelt Benings Spiel, dass gerade das Medium Film als ewiger Jungbrunnen großer Emotionen alle Trümpfe in seiner Hand hält. Dazu zählt insbesondere Luciana Arrighis opulentes Produktionsdesign, welches das London der dreißiger Jahre eindrucksvoll wiederauferstehen lässt, die kunstvoll arrangierten Bilder von Szabós Stamm-Kameramann Lajos Koltai und nicht zuletzt der stimmungsvoll-melodische Score von Mychael Danna ("Der Eissturm"). Vor allem aber ist es der durchweg gelungenen Besetzung zu verdanken, dass "Being Julia" zu den bewegendsten Künstlerfilmen der letzten Jahre zu zählen ist.  

Christian Heger / Wertung: * * * (3 von 5)



Filmdaten

Being Julia


Kanada / USA / Ungarn / GB 2004
deutscher Alternativtitel: Alle lieben Julia
Regie: István Szabó; Drehbuch: Ronald Harwood nach dem Roman "Theatre" von W. Somerset Maugham; Produktion: Robert Lantos; Ausführende Produktion: Mark Milln, Marion Pilowsky; Co-Produktion: Sandra Cunningham, Mark Musselman, Julia Rosenberg; Kamera: Lajos Koltai; Musik: Mychael Danna;
Darsteller: Annette Bening (Julia Lambert), Jeremy Irons (Michael Gosselyn), Michael Gambon (Jimmie Langton), Bruce Greenwood (Lord Charles), Leigh Lawson (Archie Dexter), Shaun Evans (Tom Fennel), Lucy Punch (Avice Crichton), Mari Kiss (Mr. Gosselyns Sekretärin), Ronald Markham (Butler), Terry Sach (Chauffeur), Catherine Charlton (Miss Philips), Juliet Stevenson (Evie), Miriam Margolyes (Dolly de Vries) u.a.

Länge: 105 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; deutscher Kinostart: 7. April 2005



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"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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