28.02.2018

Bastard (2011)

Die bösen Kinder
Eine Videokamera im Nachtsichtmodus: Die grünstichigen Bilder zeigen den neunjährigen Nikolas, der in Erwartung einer Überraschung einen maroden Kellerverschlag betritt. Doch der Mensch hinter der Kamera verschließt eine Stahltür und sperrt das Kind ein, das panisch von innen dagegen trommelt. Der Titel füllt die Leinwand, während der Entführer aus dem Off spricht: "Da ist nichts. Kein Name, kein Gesicht. Ich bin in ein Nichts geboren. Man kann sagen, ich bin nicht". Mit dieser beunruhigenden Szene eröffnet der debütierende Regisseur und Drehbuchautor Carsten Unger sein atmosphärisch sehr dichtes Psychodrama "Bastard".

Ein perfides Katz-und-Maus-Spiel
Die nächste Irritation, die der Film bereithält, ist der Umstand, dass der lange namenlose Entführer Leon (Markus Krojer) mit seinen 13 Jahren selbst noch ein Kind ist, das mit seiner Gefühlskälte und seinem gestörten Selbstbild die größte Reibungsfläche für das Publikum bietet. Die gleichaltrige Mathilda (Antonia Lingemann), die von der Entführung erfährt und bei der angedachten Ermordung des Jungen zusehen möchte, erscheint hingegen zunächst menschlicher, da ihre Motivation von Anfang offensichtlich ist: Das Mädchen sucht zwischenmenschliche Nähe und hofft sie als Mitwisserin in einer Art Schicksalsgemeinschaft mit Leon zu finden.

Tatsächlich eint die beiden "bösen" Kinder, die im Grunde höchst tragische Figuren sind, ihre zerrüttete Familiensituation. Während Mathilda ihre alkoholkranke Mutter umsorgen muss, wirken Leons Adoptiveltern herzlos und unternehmen erst gar nicht den Versuch, die erstarrten Emotionen ihres abgekapselten Kindes zu verstehen. Auf den ersten Blick scheinen die Eltern also mindestens mitschuldig an der Eskalation: "Kein Mensch wird böse geboren", lautet ein im Film angebrachtes Nietzsche-Zitat, doch bereits die anschließend eher lustlos formulierte Gegenfrage "Also ist die Gesellschaft schuld?" lässt durchscheinen, dass die Dinge in "Bastard" etwas anders liegen. Der Entführer ist sich der Tragweite seiner Tat in vollem Umfang bewusst und entführt Nikolas nicht zufällig wenige Tage vor seinem 14. Geburtstag, da er bis dahin vor dem Gesetz als nicht schuldfähig gilt.

Böse Kinder spielen – abseits von Horrorfilmen wie "Das Omen" (USA 1976) oder "Eden Lake" (GB 2008) – in den letzten Jahren etwa in den Psychodramen "Teenage Angst" (D 2008) oder "We Need to Talk About Kevin" (USA 2011) eine Rolle. Dabei driften die Taten der Kinder hier nicht ins Phantastische, sondern finden im Hier und Jetzt statt – und irritieren das Publikum dadurch umso mehr. In dieselbe Kategorie gehört "Bastard", dessen Handlung zwar eine Art von Sozial-Horror entwirft, dessen Milieu- und Figurenzeichnungen aber stets der Realität verpflichtet bleiben. So geht das wahre Drama In "Bastard" auch weniger von der Entführung aus, sondern steckt in dem perfiden Katz-und-Maus-Spiel, in das Leon die Eltern von Nikolas (Beate Maes und Stephan Schad) zwingt, nachdem er sich als Täter offenbart hat. Leon verlangt – mit Mathilda im Schlepptau – Einlass in deren Haus und möchte vor allem von Nikolas' Mutter wie ein Sohn behandelt werden, ein gemeinsames Abendessen oder eine Gute-Nacht-Geschichte inbegriffen. In einer Art Vater-Mutter-Kind-Spiel sucht Leon den Anschluss an ein "normales" Familienleben, und dass er sich dafür ausgerechnet die Mutter von Nikolas aussucht, hat tief liegende Gründe, die "Bastard" nach und nach aufdeckt.

Täter und Opfer
Als Leons Widersacherin etabliert Carsten Unger die von Martina Gedeck nuancenreich gespielte Kriminalpsychologin Claudia Meinert, die sich auf das Machtspiel des jungen Entführers einlässt und den Versuch unternimmt, Nikolas' Aufenthaltsort herauszufinden, bevor der Junge verdurstet. Gemeinsam mit den nervlich angeschlagenen Eltern, Leon und Mathilda akzeptiert Meinert das erzwungene Rollenspiel und kommt ebenfalls im Haus der Familie unter. In einer zentralen Szene des Films spielen alle gemeinsam "Wer bin ich?" – als Leon die Kriminalpsychologin fragt, ob er böse sei, antwortet diese: "Dir wurde Böses angetan, aber du hast auch Böses getan. Ja, du bist böse." Mit dieser Einschätzung liegt Meinert natürlich nicht falsch und sicherlich trägt Leons Handeln diabolische Züge, doch je mehr Profil und Hintergrundgeschichte Leon erhält, desto schwerer fällt seine Verurteilung, bis sie letztlich nahezu unmöglich ist. Zwar bezeichnen Leon und Mathilda den kleinen Nikolas stets als "das Opfer", aber im Grunde sind sie selbst die Opfer.

Bisweilen erscheint die Geschichte von "Bastard" ein wenig konstruiert, da Carsten Unger jedoch immer nah bei den Figuren bleibt und deren Handeln schlüssig darstellt, funktioniert sein Thriller-Drama bis zum Abspann als spannende Versuchsanordnung. Einen wesentlichen Teil zum Gelingen des Films trägt die stimmige Inszenierung bei, die über das in Debütfilmen meist vorherrschende Basiswissen von Filmhochschulen hinaus geht. Mit kühlen, oft dunklen Bildern etabliert "Bastard" eine durchweg trostlose Atmosphäre, die eine passende Folie für die bestimmenden Themen gestörte Kommunikation und soziale Isolation liefern. Auch was die Musikauswahl angeht, beweist der Regisseur ein gutes Gespür: Nicht die in deutschen Erstlingswerken so häufig angebrachten Gitarrenklänge dominieren den Soundtrack, sondern treibende, zeitgemäße Musik, die mitunter ins Industrial-Genre gehört und Leons wie Mathildas Gefühlswelt passend widerspiegelt.

Mit seinen stark geschriebenen und gespielten Figuren sowie der spannenden filmischen Umsetzung gelingt Carsten Unger mit "Bastard" ein sehenswerter, herausfordernder Film. Und was am Anfang kaum im Bereich des Denkbaren lag, entwickelt sich immer mehr zum zentralen dramatischen Konflikt: Leons Schicksal berührt und bald stellt sich Mitgefühl für den Jungen ein, dessen verständliche Identitätskrise das Pendel in die falsche Richtung ausschlagen lässt.



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn



Filmdaten

Bastard (2011)


Deutschland 2011
Regie: Carsten Unger;
Darsteller: Martina Gedeck (Claudia Meinert), Markus Krojer (Leon), Antonia Lingemann (Mathilda), Thomas Thieme (Alexander Decker), Beate Maes (Anja Heine), Stephan Schad (Raphael Heine), Finn Kirchner (Nikolas Heine), Hanns Zischler (Samuel Schweizer), Sibylle Canonica (Chora Schweizer), Maya Bothe (Mathildas Mutter), Marc Zwinz ((Polizist Schlüter), Matthias Koeberlin (Vater im Schwimmbad), Hansa Czypionka (Max) u.a.;
Drehbuch: M. Reza Bahar, Carsten Unger; Produzenten: M. Reza Bahar, Nicole Ringhut; Kamera: Lars Petersen; Schnitt: Julia Böhm, Dora Vajda;

Länge: 129,41 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; deutscher Kinostart: 18. April 2013



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Zitat

"Robby Müller hat das Handwerk und die Kunst der Kameraführung und des Lichtsetzens erneuert und vorangetrieben. Er konnte wie kaum ein anderer in seinen Bildern Stimmungen erfassen und Zustände beschreiben, die mehr über Charaktere erzählten als Dialoge und dramaturgische Strukturen. Er wusste, wie man für eine Geschichte und einen Film ein ganz eigenes Klima erzeugt, in dem seine Figuren im wahrsten Sinne des Wortes 'gut aufgehoben' waren. Für eine Handvoll Filmemacher war er der wichtigste Wegbegleiter."

Regisseur Wim Wenders zum Tode des Kameramanns Robby Müller (04.04.1940 - 03.07.2018)

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