14.12.2000

Die Rache zweier Frauen an ihrer Umwelt

Baise-moi - Fick' mich!


Die Darstellung von "Baise-moi" ist so direkt und provozierend wie der Titel bereits erahnen lässt. Das "Road-Movie" skizziert die kurze gemeinsame Zeit von zwei jungen Frauen, welche sich von ihrer Umwelt ungeliebt und missbraucht fühlen und ihre Rache mittels exzessivem Morden, Sex und Gewalt ausleben.


Baise-moi - Fick' mich!: Nadine (Karen Bach) am Abzug Irgendwo in Frankreich treffen die einstige Pornodarstellerin Manu und die Gelegenheitsprostituierte Nadine zufällig aufeinander. Manu wurde brutal vergewaltigt und erschießt ihren Freund, als dieser davon erfährt. Er hat ihr den Vorwurf gemacht, dass sie nicht unter dem Vorfall leide und sie projiziert sodann das für sie Männlich-Verwerfliche auf ihn. Nadine bringt ihre Mitbewohnerin um, weil diese behauptet, sie sei ihrem einzigen Freund, dem drogensüchtigen Francis hörig. Er beauftragt Nadine gefälschte Papiere an der Grenze der Vogesen einer Bekannten zu überbringen und wird kurz darauf von der Polizei erschossen. Sie will nun ihr Versprechen einlösen und begegnet Manu am Bahnhof. Es fährt kein Zug mehr und so kommt es, dass die beiden letztendlich gemeinsam in einem Auto Richtung Meer fahren und zusammen bleiben möchten, bis Nadine ihren Termin in den Bergen hat. Sämtliche Aufenthalte der beiden zeigen, dass sie ihre Gewalt gegenüber Männern als Duo perfektionieren und ihr exzessiv ausgelebter Sexualtrieb die Leere und die ihnen widerfahrende Gefühlskälte kompensieren soll. Sie suchen sich Männer aus, benutzen sie und bringen sie bei Nichtgefallen brutal um.

Manu sagt einmal zu Nadine: "Je mehr du bumst, desto weniger denkst du nach und umso besser schläfst du." Die obszöne Bemerkung eines Mannes ist für Manu Grund genug, ihn auf offener Straße kurzweg zu erschießen. Die Bereitschaft zur Gewalt offenbart sich bei ihnen bereits bei der kleinsten Irritation und sie rächen sich an zahlreichen Männern ( auch an Frauen). Manu und Nadine konzentrieren sich ganz auf ihr Handeln und betäuben ihrerseits mögliche Artefakte, d.h. Mitleid für ihre Umwelt, durch den Konsum von Alkohol und Drogen. Die beiden Frauen trauen sich nur gegenseitig und haben eine nahezu homoerotische Beziehung zueinander. Sie schlafen im gleichen Raum mit je einem Mann, sie tauschen Männer oder sehen der Freundin beim Sex zu, doch nie erreicht ihre Beziehung eine physische Ebene.

Nadine und Manu kommen für eine Nacht bei einem Ehepaar unter und bemerken, dass sie diese häusliche "Idylle" nie haben werden. Ein männliches Opfer berührt Nadine emotional, indem er ihr zu verstehen gibt, dass er ihr Motiv zur Grausamkeit kenne. Er spricht aus, was sie ständig verdrängt; sie handelt aufgrund der ihr widerfahrenden Kälte. Für einen Moment wirkt die junge Frau menschlich und verletzlich, doch Manu gibt Nadine den Befehl den Mann zu morden und ihr Schutzwall aus Gewalt umschließt sie wieder. Sie erschießt ihn mit vier Kugeln - angeordnet wie ein Kreuzzeichen. Er stirbt für sie als Erlöser und Nadine weiß, dass ihr Rachezug ein tödliches Ende nehmen wird. Denn die menschliche Existenz setzt Menschlichkeit voraus, welche sie jedoch mit aller Gewalt bis zur letzten Konsequenz von sich weist. Je mehr sie sich den Vogesen nähern, desto kälter und trister wird die Landschaft. Manu wird bei einem versuchten Überfall erschossen und Nadine flüchtet mit ihrer toten Freundin an einen See. Gegen alle Kälte in Manus Leben übergibt Nadine sie ganz der Wärme. Sie zündet den Leichnam an, sodass das Feuer Manu ganz verzehrt. Nadine wird die Möglichkeit des Suizides genommen; mit dem Revolver an der Schläfe wird sie mitten in ihrer melancholischen Stimmung von einem riesigen Polizeiaufgebot überwältigt.

"Baise-moi" erhält durch die Digitalkamera und aus der Hand geschossene Bilder eine deprimierende Authentizität. Die Protagonistinnen sind eigentlich Pornodarstellerinnen und verkörpern ihre Rolle glaubwürdig, ohne Scham und Tabu. Man spürt die anfängliche Demütigung der Frauen hautnah und kann sich der innerlichen Beklemmung parallel zur aufbauenden Gewalt des Filmes nicht entziehen. "Baise-moi" ist belebend und bedrückend zugleich und weist auf, dass Menschen Wärme und eine soziale Struktur brauchen, um innerhalb der human akzeptierten Norm leben zu können. Menschen kreieren "UN-Menschen" durch Grausamkeit und Kälte, so dass der Mensch in sämtlichen Facetten letztendlich nicht existieren kann, da die tiefsten Abgründe Selbstvernichtung zur Folge haben.

 
Nadine Holtwick / Wertung: * * * * (4 von 5)

Quelle des Fotos:
Le Studio Canal+


Filmdaten

Baise-moi - Fick' mich!
(Baise-moi)

Frankreich 2000
Regie: Virginie Despentes, Coralie Trinh Thi; Drehbuch: Virginie Despentes nach ihrem gleichnamigen Roman; Kamera: Benoît Chamaillard, Julien Pamart; Schnitt: Aïlo Aguste, Francine Lemaître, Véronique Rosa; Musik: Varou Jan;
Darsteller: Raffaëla Anderson (Manu), Karen Bach (Nadine), Delphine McCarty (Nadines Mitbewohnerin), Ouassini Embarek (Radouan) u.a.

Länge: 77 Minuten; FSK: nicht unter 18 Jahren.




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von Philipp Wallutat
Wertung: 3 von 5  



Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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