15.08.2019

Ausente

Der frühreife Zehntklässler Martín (Javier De Pietro) steht auf seinen Sportlehrer Sebastián (Carlos Echevarría). Unter einem Vorwand sorgt der Schüler dafür, dass er eine Nacht in der Wohnung seines Lehrers verbringen kann. Zwar spricht Martín seine Zuneigung zu Sebastián in dieser Nacht nicht explizit an, flirtet aber recht unverhohlen mit dem Erwachsenen und verwirrt ihn damit, denn auch Sebastián entwickelt trotz seiner Funktion als Lehrer ein Begehren für Martín. So treiben die beiden umeinander und tauschen scheue Blicke, wobei es von Anfang an Sebastián ist, den die Situation überfordert – im Grunde ist er nichts anderes als das Opfer der sexuellen Avancen seines Schülers.

Mit dem letztjährigen Berlinale-Beitrag "Ausente" liefert Regisseur Marco Berger seinen zweiten Spielfilm. Trotz der Brisanz des Stoffes kommt das argentinische Queer-Drama indes kaum über den diskursiven Gehalt einer gelungenen Telenovela hinaus. Der an Pedro Almodóvar erinnernde Einsatz von bunten Farben, die ruhige Erzählweise und die dominante Filmmusik, die einem Gruselfilm entsprungen scheint, stecken den durchaus ansehnlichen inszenatorischen Rahmen des Films ab, setzen aber keine Akzente, die großartig in der Erinnerung bleiben. Das wenig austarierte Schauspiel des Debütanten Javier De Pietro fällt gerade im Zusammenklang mit der eher konservativen, oft erzwungen kunstvollen Erzählweise negativ auf. Die von Anfang an etablierte unterschwellige Spannung bleibt daher den kompletten Film über eine Behauptung: Ein ehrliches Interesse an den seltsam entrückten Figuren kommt zu keiner Zeit auf.

Völlig gescheitert ist "Ausente" dennoch nicht, was vor allem an der vergleichsweise interessanten Erzählstruktur liegt, die das Interesse des Betrachters am Fortgang der Geschichte durch eine gute Verteilung der Informationen sichert. Ebenfalls gelungen ist der weitgehende Verzicht auf erklärende Dialoge und Kommentare: Die emotionale Spannung entsteht zuvorderst aus Blicken, Körpersprache und einigen treffenden Bildern, die die Verunsicherung und innere Unruhe des Sportlehrers auf gelungene Weise zum Ausdruck bringen. Andererseits greift "Ausente" regelmäßig auf arg klischeehafte Motive und Situationen wie den verzweifelten Blick in den Spiegel zurück und mündet in ein überraschend schwaches Finale, das die Mittelmäßigkeit des künstlerisch ambitionierten Dramas endgültig besiegelt.



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn / Wertung: * * (2 von 5)



Filmdaten

Ausente
(Ausente)

Argentinien 2011
Regie, Drehbuch & Schnitt: Marco Berger;
Darsteller: Carlos Echevarría (Sebastián), Javier De Pietro (Martín), Antonella Costa (Mariana), Alejandro Barbero (Juan Pablo), Rocío Pavón (Analía) u.a.;
Ausführende Produzenten: Marco Berger, Mariana Contreras, Pablo Ingercher Casas; Kamera: Tomas Perez Silva; Musik: Pedro Irusta;

Länge: 91 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; deutscher Kinostart: 12. Januar 2012



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Schauspieler Gregory Peck (1916 - 2003) über die Rechte von Homosexuellen

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