17.01.2012
Verwickeltes Kostümdrama

Anonymus


Anonymus: Rhys Ifans Das Raunen der Zweifler an Shakespeares Werk will nicht verstummen – zu groß seien die Unterschiede zwischen manchen Stücken, die schriftliche Überführung zu dubios. William Shakespeare war nicht der Autor seiner Werke – das Gerücht hält sich seit Jahrhunderten. Nun wagt sich Weltuntergangs-Regisseur Roland Emmerich ("Godzilla", "Independence Day", "The Day After Tomorrow") an die größte Kostbarkeit der englischen Literatur und präsentiert eine visuell betörende aber handlungstechnisch hektische Verschwörungsgeschichte, die diese These aufgreift.

Es geht in Emmerichs Film um den "wahren" Autor der Shakespeare-Werke – den Grafen von Oxford. Shakespeare selbst ist nur ein kleiner Schauspieler, Trunkenbold, Weiberheld und Erpresser – reuelos sackt er das Geld des Grafen und dessen Ruhm ein. Der Graf zeugt mit der Königin einen Sohn und darf weder diesem noch seinem literarischen Werk seinen Namen geben. Zahlreiche Nebenhandlungen – Liebschaften des Grafen, das politische Machtspiel am Hofe und nicht zuletzt das elisabethanische Theater, wie auch fünf verschiedene Zeitebenen spicken den Hauptstrang der Handlung.

Der Film ist ein optischer Genuss, farbenprächtig bei Kostümen der Reichen oder nötigerweise auch farblos-armselig bei den Ärmeren, detailliert liebevoll genau bei der Architektur und der zeitgenössischen Ausstattung – man achte auf die Nahaufnahmen von Pergament und Feder, auf die Eule im Arbeitszimmer, die tintenverschmierten Finger der Schreiber oder das schlechte Gebiss der alternden Königin –, jedoch verwickelt die Handlung den Zuschauer in verschiedene Zeitebenen und ist so atemlos, dass selbst das Vergnügen der Bilder erst nach Verlassen des Filmsaals in der Erinnerung daran wirken kann.

Anonymus: Rafe Spall als William Shakespeare Keine Zeit zum Durchatmen oder Nachdenken bzw. -fühlen bleibt, wenn Schlag auf Schlag Neues passiert. Wenn zum Beispiel Ben Jonson – ein zeitgenössischer Bühnendichter Shakespeares – das Aufführen seiner Stücke im berühmten "Globe"-Theater versagt und er in den Matsch vor die Tür geworfen wird, stehen plötzlich Soldaten um ihn herum, die ihn zum Grafen von Oxford bringen sollen. Das ist nur einer der filmtechnisch und logisch gewagten Übergänge, um die Handlung zu komprimieren. Die fünf Zeitebenen werden am Anfang noch mit einer Überschrift "Vor fünf Jahren" oder "Vor zwanzig Jahren" versehen, verschmelzen aber später mit den anderen, so dass man oft Schwierigkeiten hat, die Personen auseinanderzuhalten – da sie ja auch von verschieden alten oder jungen Schauspielern dargestellt werden. Die Namen und Titelbezeichnungen machen die Chose nicht leichter, wenn zum Beispiel mal vom "Grafen von Essex", mal von "Robert" die Rede ist und beide denselben Mann meinen.

Rhys Ifans spielt Edward de Vere, 17. Grafen von Oxford, Bühnenautor, Dichter und Kunstmäzen im elisabethanischen Zeitalter, den vermeintlich richtigen Autoren der Shakespeare-Werke, die seit Mitte des 16. Jahrhunderts nichts an Aktualität und Beliebtheit eingebüßt haben. Sensibel und überzeugend dargestellt ist der Kunstliebende der englischen Renaissance in dieser Verschwörungsfassung auch Liebhaber der Königin Elizabeth. Letztere ist gespielt von der immer mächtig im Bild präsenten Vanessa Redgrave, die keine Zurückhaltung kennt, auch wenn sie mal halbnackt, ohne Schminke und Perücke zu sehen ist.

Anonymus: Vanessa Redgrave, Rhys Ifans Wir erfahren auch, welchen historischen Personen einige Protagonisten der Dramen entsprechen – so soll Königinnenberater Robert Cecil für "Richard III" Modell stehen, das Liebespaar im 2000-Zeilen-Poem "Venus und Adonis" soll die Königin Elizabeth und Edward de Vere selbst sein. Interessant wird hier eine neue Dimension: Die in der literarischen Welt vermutete Liebesbeziehung von Shakespeare zum Grafen von Southampton könnte – falls Shakespeare nicht der echte Autor der Stücke ist – auch einfach die Liebe eines Vaters zu seinem Sohn sein. In Emmerichs Film ist der Graf von Southampton Sohn von Edward de Vere und Königin Elizabeth, darf aber auf Geheiß der Königin nie erfahren, wer seine Eltern sind. So wie sie es verbietet, dass die Nachwelt den echten Autoren der gerühmten Bühnenstücke kennen darf.

Sehenswert ist der überlange Film allemal, ein zweites Hinschauen wird sich lohnen, wenn der Film auf DVD erscheint, damit man die Handlung in ihrer Ganzheit, aber auch die Details erfassen kann. Literarisch und filmtechnisch kostbar umgesetzt sind Ausschnitte aus den dargestellten Bühnenstücken – wie der Tanz um das Feuer der drei Hexen aus "Macbeth" oder das Erstechen des Polonius aus "Hamlet". Atmosphärisch kann der Film ins 16. Jahrhundert versetzen, ohne Frage. Ein tiefgehend emotionales Erlebnis kann er jedoch wegen der Handlungsintensität leider nicht sein – schade, weil die Emotionen und die traurige Liebesgeschichte mehr Raum verdient hätten, nicht zuletzt im Herzen des Zuschauers.  

Hilde Ottschofski / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Sony Pictures

 
Filmdaten 
 
Anonymus (Anonymous) 
 
USA / Deutschland 2011
Regie: Roland Emmerich;
Darsteller: Rhys Ifans (Earl of Oxford), Rafe Spall (William Shakespeare), Vanessa Redgrave (Queen Elizabeth I), Joely Richardson (junge Queen Elizabeth I), David Thewlis (William Cecil), Xavier Samuel (Earl of Southampton), Sebastian Armesto (Ben Jonson), Sam Reid (Earl of Essex), Edward Hogg (Robert Cecil), Jamie Campbell Bower (junger Earl of Oxford), Jonas Hämmerle (Kind Oberon) u.a.;
Drehbuch: John Orloff; Produktion: Roland Emmerich, Larry J. Franco, Robert Leger; Kamera: Anna Foerster; Musik: Harald Kloser, Thomas Wander;

Länge: 129,40 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der Sony Pictures Releasing GmbH; deutscher Kinostart: 10. November 2011



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Zitat

"Ich war sehr erfolgreich damit, ein totaler Idiot zu sein." (über seine Karriere)

"Ich schaue die Welt mit Kinderaugen an." (über die Bewahrung seiner Kindlichkeit)

US-Komiker Jerry Lewis (16.03.1926-20.08.2017)

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