30.10.2013
Social Outcasts in München

Annelie (2013)


Annelie (2013): Georg Friedrich (rechts) In unserem multimedialen Zeitalter, wo durch die Social Media wie Facebook, Youtube, Twitter und Co. wie sie so schön anglisiert heißen, alles und jeder, und vor allem eine jede Menge Überflüssiges herumgeistert, sind immer wieder Filmchen über Randexistenzen zu finden; Randexistenzen, die nicht mehr in normierten Gesellschaftsformen hineinwollen, manchmal auch hineinkönnen. Oftmals sind es aber voyeuristische, auch inszenierte, manchmal geltungssüchtige Einblicke, die gewährt werden.

Antej Farac hat mit seinem Film "Annelie" einen schwungvollen und lauten, bisweilen auch nachdenklichen Hybrid aus Dokumentation und Fiktion geschaffen. Er lässt darin jene Misfits, Outcasts, zu Wort kommen und zur Tat schreiten, für die eine neoliberale Gesellschaftsordnung samt und sonders eher wenig Sympathie aufbringen kann. Und vice verca. Die Annelie, die früher eine Pension im Münchner Hauptbahnhofsviertel war – also jenem Bezirk, der sich durch halbseidene Existenzen, Junkies, Dealer und viel grellem Rotlicht charakterisieren lässt – ist umfunktioniert worden, zu einer Art Wohnheim für Sozialfälle.

Annelie (2013) Filmemacher Farac, der über Jahre in unmittelbarer Nachbarschaft gewohnt hat und somit das bunte Treiben, das Chaos, die bitteren Szenen live mitverfolgen konnte, hat mit den echten Bewohnern ihr Leben nachgespielt. Man begegnet einem Reigen von völlig Gestrandeten, von Alkoholikern, von Drogenabhängigen, von sympathischen wie unsympathischen, von reflektierten wie unreflektierten Figuren, die in einem wahrlichen Saustall hausen.

Max, gespielt vom wunderbaren Österreicher Georg Friedrich, ebenso ein Mitbewohner – Junkie und desillusioniert ob seiner abgebrochenen Schauspielerkarriere –, ist der einzige Charakter, der von einem professionellen Schauspieler übernommen worden war. Friedrich, mit seinem unverwechselbaren Wiener Schmäh und seinem hinreißenden Sing Sang, der mit Haneke, Seidl, Glawogger, Svoboda, Murnberger – um nur eine Auswahl renommierter Regisseure zu nennen – erfolgreich zusammengearbeitet hat, ist dieser Rolle vollends gewachsen. Sein authentisches Spiel, sein nihilistischer und doch engagierter Gestus, sein Habitus eine Mixtur aus Larmoyanz und Lässigkeit, lassen kaum erkennen, dass er nicht realer Bewohner der Annelie ist. Seine Disziplin am Set soll sogar die anderen Figuren angeregt haben, sich für den Dreh Mühe zu geben, und konstruktiv mitzuwirken.

Annelie (2013) Farac führt in diesem Film seine Zuschauer nah, ungeschönt, ja gnadenlos an Menschen heran, die ganz unbestritten eine Existenz führen, die dem Gros eher wiederstreben wird, und die in all ihrer Perspektivlosigkeit streckenweise Abneigung oder Unverständnis hervorrufen. Die Prioritäten, die Lebenszyklen und Lebensinhalte dieser Menschen sind nicht getrieben von den Normierungen und Zwängen des von außen auferlegten gesellschaftlichen vor allem finanziellen Erfolgs; dieser Korsetts haben sie schon lange abgestreift; sie wetteifern auch nicht, wer im Rennen um mehr medialer Anerkennung im WorldWideWeb dem anderen den Rang abläuft; ihr sozialer Treffpunkt ist keine virtuelle, künstliche Kommunikationsplattform, in deren anonymem Nebel jeder seine Individualität schönen und biegen kann, bis es dem letzten Idioten passt: Sie treffen sich in einem Kiosk, gleich neben der Annelie, wo sie früh schon ihren Underberg bestellen. Sie agieren echt, sie sind echt.

Manche Überdrehtheiten am Ende etwa, wenn eine Band von den Bewohnern entführt wird, und wenn der Schluss wie eine Traumfantasie daherkommt, sind ein harter Bruch zum manchmal schmerzenden Realismus. Die große Stärke und das eigentlich Erfrischende des Films liegt unbestritten in der Tatsache, dass man hier in Lebensentwürfe sieht, die sich weitab von einer Mainstreamgesellschaft bewegen, die die dauernde Anerkennung und den materiellen Wohlstand bedingungslos feiert und als das Nonplusultra ansieht. Sicherlich, um Missverständnissen vorzubeugen: Eine Drogenkarriere und ein Leben unter diesen Umständen ist nicht erstrebenswert, aber die Kunst und der Film widmen sich bestenfalls den vielen verschiedenen Facetten des Lebens, und die Annelie war eine davon.  

Sven Weidner / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

 
Filmdaten 
 
Annelie (2013)  
 
Schweiz / Deutschland 2013
Regie & Drehbuch: Antej Farac;
Darsteller: Georg Friedrich (Max), Günter Reupert-Hasselmeier, Franz Rudolf, Kim Harbusch, Irene Fritschi u.a.;
Produzent: Johann Betz; Produktion: Drei Wünsche GmbH in Koproduktion mit der Schweizer Agentur elPatrol.; Kamera: Chris Valentien; Musik: Tito Lee; Schnitt: Antej Farac;

Länge: 111 Minuten; ein Film im Verleih von alpha medienkontor; deutscher Kinostart: 12. Dezember 2013



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Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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