15.02.2016
Ein Film der Berlinale 2016, Sektion Panorama - 30 Jahre Teddy

Anders als die Andern (1919)


Richard Oswalds Stummfilm, der in frisch restaurierter 35-mm-Kopie auf der Berlinale gezeigt wird, ist ein besonderes Geschenk: zum 30. Geburtstag des Teddy-Awards und für das Kino. Am 28. Mai 1919 feierte die Mischung aus Lehrfilm und Drama in Berlin Premiere. Prominent besetzt mit Conrad Veidt, den das damalige Publikum ein Jahr später als Cesare in "Das Kabinett des Dr. Caligari" sah, Anita Berber und Sexualforscher Dr. Magnus Hirschfeld, war "Anders als die Andern" ein aufsehenerregender Film, nicht nur allein aufgrund seiner Thematik.

Anders als die Andern (1919): Conrad Veidt, Magnus HirschfeldTatsächlich war der erste bekannte Film, der Homosexualität direkt thematisierte, Teil einer Welle von Aufklärungs- und sogenannten Sensationsfilmen, die nach Abschaffung der Filmzensur im Jahr 1918 entstehen konnten. Oft beschäftigten sich diese Werke, von denen viele heute nur durch Poster und Werbematerial präsent sind, mit ganz alltäglichen Tragödien. Die Protagonisten fielen ihnen meist unschuldig zum Opfer und nicht selten wies die Handlung konkret auf gesellschaftliche Missstände, Konventionen und überholte Gesetzeslagen als maßgebliche Gründe für das Unglück hin. Der äußert schöpferische Oswald trug etwa mit "Tagebuch einer Verlorenen" oder dem Zweiteiler "Die Prostitution" zu diesem Subgenre bei. Wie viele der Filme richtet sich "Anders als die Andern" unmittelbar mit einem Appell an das Publikum. In diesem Falle könnte die Botschaft kaum deutlicher formuliert sein: Am Ende des Films streicht eine Hand den Paragrafen 175 aus dem Gesetzbuch. In der Realität erfüllte sich dieser Wunsch erst im Jahr 1994. Bis dahin stellte Paragraf 175 seit dem 1. Januar 1872 mit Inkrafttreten des Reichsstrafgesetzbuches sexuelle Handlungen unter Männern unter Strafe.

Anders als die Andern (1919): Conrad Veidt, Fritz Schulz Im Film ist diese Gesetzeslage verantwortlich für den tragischen Ausgang der Liebe des Violinisten Paul Körner (Conrad Veidt) und seines jungen Bewunderers Kurt Sivers (Fritz Schulz). Bereits zu Beginn wird deutlich, dass eine homosexuelle Beziehung mit einem gesellschaftlichen Stigma verbunden ist. Eine Tageszeitung, die Körner aufschlägt, ist voll mit Traueranzeigen, hinter denen, wie die Handlung impliziert, Selbstmorde verzweifelter Homosexueller stehen. Dennoch wagen die beiden Männer ihren Gefühlen zu folgen und diese auch nach außen hin zu zeigen. Dafür trifft sie zugleich der Moralismus und die Doppelmoral der Umgebung. Körner wird von einem alten Bekannten erpresst, Sivers wiederum wird von seinen Eltern gedrängt, die in ihren Augen zu innige Freundschaft abzubrechen. Nur seine Schwester Else Sivers (Anita Berber) fühlt Verständnis und besucht gemeinsam mit Körner die Vorlesung eines prominenten Arztes (Dr. Magnus Hirschfeld), der Homosexualität als natürlich erkennt und für ihre allgemeine Akzeptanz plädiert. Seine auf Zwischentitel vorgetragenen Worte richten sich mehr an das Kinopublikum als an die Figuren, die dem fatalen Verlauf der Ereignisse dennoch nicht entgehen. Trotz der Melodramatik und einer gewissen Plakativität, die vor allem dem Zeitgeschmack und der Genrekonvention geschuldet sind, beeindruckt das cineastische Frühwerk durch seinen Mut und eine Offenheit, die sich bis in die 1990er Jahre kaum im Mainstream-Kino wiederfinden sollte.

Die Machtergreifung der Nazis, die "Anders als die Andern" als ein Paradebeispiel für "entartete" Kunst sahen, bedeutete das Ende für die aufgeschlossene Filmkunst der Weimarer Republik. Beinah hätte sie auch das Ende von Oswalds Film bedeutet. Nur eine einzige Kopie überlebte und lange galt das Werk als verloren. Ein Grund mehr, den lang verschollenen Meilenstein des LGBT-Kinos auf der Berlinale zum 30. Jubiläum des Teddy-Awards in neuem Glanz anzuschauen.  

Lida Bach / Wertung: * * * * * (5 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Berlinale

 
Filmdaten 
 
Anders als die Andern (1919)  
 
Deutschland 1919
Regie: Richard Oswald;
Darsteller: Conrad Veidt (Paul Körner), Fritz Schulz (Kurt Sivers), Reinhold Schünzel (Franz Bollek), Magnus Hirschfeld (Arzt), Anita Berber (Kurts Schwester) u.a.;
Drehbuch: Richard Oswald, Magnus Hirschfeld; Produzent: Richard Oswald; Kamera: Max Faßbender;

Länge: 50 Minuten; deutscher Kinostart: 28. Mai 1919; restaurierte Fassung: unbekannt



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Der Film im Katalog der Berlinale
<15.02.2016>


Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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