21.02.2016
Ein Film der Berlinale 2016, Sektion Forum

An Outpost of Progress


Für seine bittere Parabel auf Arroganz und Absurdität des Kolonialismus ließ sich der portugiesische Regisseur Hugo Vieira da Silva sowohl von Joseph Conrads gleichnamiger Kurzgeschichte inspirieren als auch vom Wissen um das eigene nationale kolonialistische Erbe. "Afrika ist ein Gespenst, das meine Generation immer noch verfolgt", sagt der junge Filmemacher. Das Gespenst der Vergangenheit ist für seine Protagonisten lebendige Realität.

An Outpost of ProgressDie zweistündige Story schwebt zwischen geisterhaftem Dschungelfilm und grotesker Posse. Wie zwei kümmerliche Clowns stehen die beiden Hauptfiguren zu Beginn in ihren identischen weißen Kolonialuniformen am Kai des titelgebenden Außenpostens. Hier sind sie nun Herren und zugleich Ausgelieferte ihres eigenen Größenwahns und ihrer Gier. Der eine fett und schwitzend, der andere hochgewachsen und manieriert: Sant'Anna (Ivo Alexandre) und der junge João de Mattos (Nuno Lopes) sind auf den ersten Blick ein kurioses Gegensatz-Paar und dennoch unverkennbar aus demselben Holz geschnitzt. Die Männer sind Prototypen der kolonialen Selbstherrlichkeit, die in der Isolation des Dschungels ihrem eigenen Wahnwitz ausgeliefert ist. Sant'Anna betrachtet die einheimischen Arbeiter als große Kinder, die ein willkommenes Publikum für seine dümmlichen Scherze darstellen. Dass die Männer tatsächlich ihn verspotten, realisiert er genauso wenig wie die Kluft zwischen ihm und den Arbeitern. Letzte sind für ihn im Grunde bloß Werkzeuge, mit denen er frei hantieren kann. Entsprechend frustrierend erlebt er die Ineffektivität seines wirren Kommandos. Die dezenten Warnungen des einheimischen Buchhalters Makola (David Caracol) begreift er nicht.

An Outpost of Progress Die Kommunikationsunfähigkeit der Weißen (auf doppelter Ebene in der Farbe ihrer Kleidung und ihrer Haut) unterminiert als eines der dramatischen Hauptthemen jede ihrer Handlungen. Sant'Annas physische Aufdringlichkeit steht in krassem Kontrast zu Lopez, der jeden Kontakt mit dem Land mit einer an Ekel grenzenden Aversion zu vermeiden sucht. Seine erste Berührung des Waldes und seine Pflanzen geschehen mit dem pseudo-wissenschaftlichen Gebaren des Entdeckers, der seine Umgebung in Form bedeutsamer Notizen buchstäblich festzuschreiben versucht. Ein Verständnis der Lage – auf lokaler oder strategischer Ebene – bleibt auch bei ihm aus. Stattdessen distanziert er sich zunehmend von dem einzigen Menschen, mit dem ihn etwas verbindet. Da Silvas' selbstverfasstes Drehbuch verzichtet auf einen Teil der Interaktionen, die bei Conrad den monotonen Alltag unterbrechen, und betont so noch mehr die Isolation der Männer. Ihr erst durch Alkohol, dann zusätzlich durch körperliche Schwäche beflügeltes Delirium symbolisiert den Fieberwahn einer dem Untergang geweihten Ideologie. Aus Conrads scharfsinniger Analyse des diffizilen Zusammenspiels von Machthaberei, Ausbeutung und Profitgier wird in der Verfilmung ein bizarrer Totentanz.

Mit den Protagonisten entfernt sich der Zuschauer immer weiter von der Realität. Selbst das prominente Zitat "Dr. Livingston, I presume?" (ein Spruch, der es selbst sogar zum Filmtitel schaffte) ist inmitten von Korrumpierung und Unfähigkeit nur Gefasel eines Verrückten. Der Titel von Conrads Novelle zeigt sich dabei von Anfang an zugleich als grausame Ironie und perfide Voraussicht. Der Fortschritt der Figuren ist der auf ihrem eigenen Weg in den Untergang.  

Lida Bach / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Berlinale

 
Filmdaten 
 
An Outpost of Progress (Posto avançado do progresso) 
 
Portugal 2016
Regie: Hugo Vieira da Silva;
Darsteller: Nuno Lopes (João de Mattos), Ivo Alexandre (Sant'Anna), David Caracol (Makola), Inês Helena (Senhora Makola), António Mpinda (Gobila), José Manuel Mendes (Silva Porto), Cleonise Malulo (Kimpa Vita) u.a.;
Drehbuch: Hugo Vieira da Silva, nach der Erzählung "An Outpost of Progress" von Joseph Conrad; Produzent: Paulo Branco; Kamera: Fernando Lockett; Schnitt: Paulo Mil Homens;

Länge: 121 Minuten; deutscher Kinostart: unbekannt



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Der Film im Katalog der Berlinale
<21.02.2016>


Zitat

"Ich bin eine Hure, alle Schauspieler sind Huren. Wir verkaufen unsere Körper an den Meistbietenden."

("I'm a whore, all actors are whores. We sell our bodies to the highest bidder.")

William Holden

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