10.02.2015
Berlinale-Wettbewerbsfilm

Als wir träumten


"Es war 'ne schöne Zeit", sagt der junge Dani zu Beginn von Andreas Dresens unausgereiftem Mix aus Buddy-Drama und Ostalgie-Kino. Darin gilt: Früher war alles besser, als DDR-Bürger und als Kinder sowieso! Die Freunde, die Freizeit und vor allem wir. Okay, nicht wir. Wir waren damals noch nicht geboren. Aber die Großeltern, die waren jung und wild und nirgendwo war das besser als in der großen Stadt, nämlich...? Richtig: Leipzig!

Würde man als junger Mensch heute Dresens Adaption von Clemens Meiers gleichnamigem Jugendroman glauben, hielte man die DDR für ein Idyll. Auf der Leinwand scheint dort im Gegensatz zur Nachwendezeit immer die Sonne, das Gras war grün – bestimmt grüner als auf der anderen Seite hinter der Mauer – und in der Grundschule gab es statt Mathe coole Brandschutzübungen.

"Wir sind die Pioniere und hauen auf den Putz,
unser dufter Gruppenleiter ist der FDJler Lutz.
Wir haben unser Halstuch, das binden wir gern um,
aber manchmal, wenn wir's müssen, dann finden wir das dumm,
Aber wenn wir selber dürfen, überhaupt und allgemein,
sind wir felsenfest der Meinung: Pionier zu sein fetzt ein!"

(Songtext von No Exit)

Als wir träumten; Copyright des Fotos: Rommel Film / Pandora Film / Foto: Peter Hartwig Im Zentrum der richtungslosen Ereignisse stehen der 17-jährige Daniel (Merlin Rose) und seine vierköpfige Clique. Die anderen sind seine Brüder, nicht biologisch, sondern ideologisch, denn Ideologie war auch nach der Wende verdammt hip und ist es noch immer. Dani, sein "bester" Freund Mark (Joel Basman), Schläger Rico (Julius Nitschkoff), der speckige Drogendealer Pitbull (Marcel Heuperman) und Paul, der Feigling mit Brille (Frederic Haselon), posaunen laut heraus, wie dicke sie miteinander sind. Trotzdem verraten sie einander, lassen sich ein ums andere Mal im Stich und versuchen, sich auszustechen, immer dann, wenn es drauf ankommt. Ist das Dresens Vorstellung von echter Kameradschaft oder übernimmt der Regisseur die der Romanvorlage? Ohne deren Kenntnis, die womöglich einige Zusammenhänge der oft widersprüchlichen Handlung erhellt hätte, bleibt nur der Blick auf die Leinwand. Die zelebriert wummernde Bässe und Stroboskop-Licht, was beides bereits in Sebastian Schippers Wettbewerbsbeitrag "Victoria" Kopfschmerzen bereitete. Genau wie bei Schipper gibt es hier eine meist zugedröhnte, obszöne und gewaltvernarrte Gruppe junger Männer und am Rande für Liebelei, die tatsächlich Notgeilheit ist, ein Mädchen.

Als wir träumten; Copyright des Fotos: Peter Hartwig / Rommel Film In "Als wir träumten" heißt sie Sternchen (Ruby O. Fee) und wird von den Freunden nur als "pussy" wahrgenommen. Gleiches gilt für alle weiblichen Figuren, die abgesehen von einer senilen Oma entweder frustrierte Heimchen am Herd oder sitzen gelassene und überforderte Mütter sind, oder Sexobjekte wie die "Fidschi"-Verkäuferin im Lotto-Laden oder Sternchen, die "jeden ranlässt". Danis Zuneigung für Sternchen transportieren wenig überzeugende Dialoge: "Wir könnten ja mal den ganzen Tag Straßenbahn fahren. Wollte ich schon lange mal machen." Besser als Kino, wenn ein Film wie dieser läuft. Oder: "Wir könnten ja mal zu mir gehen und ein bisschen bumsen. Wir sind ja in dem Alter." Welches Mädchen würde da Nein sagen? Sternchen tut es, was sie aus der Perspektive des Plots noch verachtungswürdiger macht. Dass Dani, Rico und Mark, wenn sie nicht Autos knacken oder Sachen kaputthauen, sich mit Neonazis prügeln, hat ausschließlich mit Konkurrenzkämpfen um ihren Club "Eastside" als potentiellen Drogenmarkt zu tun. Ansonsten passt ihre ständig in sinnlose Gewaltaktionen eruptierende Verachtung für Menschen anderer Ethnien, des anderen Geschlechts oder überhaupt anderen Menschen perfekt in eine andere Zeit: die der Nazis.

Für Dresen macht dieser Umstand die Figuren offenkundig nicht unsympathischer, umso mehr für den Zuschauer. Dem bleibt nur die Hoffnung auf zukünftige Wettbewerbsbeiträge. Wie Dani gen Ende sagt: "Das Beste kommt noch." Schlechter werden kann es schwerlich.  

Lida Bach / Wertung: * (1 von 5) 
 

Quelle der Fotos: siehe jedes einzelne Foto (geht nicht bei jedem Browser, z.B. Google Chrome)

 
Filmdaten 
 
Als wir träumten  
 
Deutschland / Frankreich 2015
Regie: Andreas Dresen;
Darsteller: Merlin Rose (Dani), Julius Nitschkoff (Rico), Marcel Heuperman (Pitbull), Joel Basman (Mark), Frederic Haselon (Paul), Ruby O. Fee (Sternchen), Chiron Elias Krase (Dani, 13), Luna Rösner (Katja, 13), Tom von Heymann (Rico, 13), Nico Ramon Kleemann (Mark, 13) u.a.;
Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase nach einem Roman von Clemens Meyer; Produktion: Rommel Film; Produzent: Peter Rommel; Kamera: Michael Hammon; Schnitt: Jörg Hauschild;

Länge: 117,03 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der Pandora Film GmbH & Co Verleih KG; deutscher Kinostart: 26. Februar 2015

Ein Film im Wettbewerb der 65. Berlinale 2015



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Der Film im Online-Katalog der Berlinale
<10.02.2015>


Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

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