November 2001

Indien als Kulisse

Alles wegen Paul

Es war eine gemütliche Premierenfeier im kleinen Düsseldorfer Bambi-Kino, der anwesende Freund des Regisseurs Angelo Colagrossi, Hape Kerkeling, verbreitete gekonnt gute Laune. "Om Ganesha Namah", erklärte er, sei eine Art Mantra und heiße soviel wie "Glück auf deinen Wegen". Und das können die Hauptfiguren der Geschichte gebrauchen.

Alles wegen Paul Marie-Eve (Janette Rauch) ist Börsenmaklerin in Düsseldorf, darin besteht ihr Lebensinhalt. Von morgens bis abends hängt sie am Telefon und kauft und verkauft und spekuliert und berät - und flucht. Zwischendurch besucht sie eine Wahrsagerin ihres Vertrauens, die ihr die Karten legt. Aber nicht "Glück in der Liebe?", ist die Frage, sondern "Welche Aktie steigt?" Man kann ohne Zweifel sagen, dass sie es geschafft hat: Sie ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau, jedoch ohne jegliches Privatleben. Zufrieden oder erfüllt wirkt sie dabei nicht für eine Sekunde. In diese strenge Welt des Business platzt auf einmal ein Anruf: Eine Freundin ihres Bruders Paul berichtet ihr, Paul sei verloren gegangen. Ausgerechnet im fernen Indien. Marie-Eve ist besorgt. Aber nicht so besorgt, dass sie sich direkt auf den Weg macht. Schließlich kann sie ja nicht weg. Weg vom Job. Doch auch ihre Kartenlegerin drängt sie, sie solle nach Indien reisen, denn da wird sie viel Spannendes erleben. Wenig später findet sich Marie-Eve in Indien wieder, mitten im prallen Leben. Die Kommunikation ist nicht einfach und die Orientierung noch weniger. Pauls Freundin ist schon abgereist, Marie-Eve folgt ihr per Reisebus. Immer wieder begegnet ihr die mit allen Wassern gewaschene Vandana (Tina Choudhary), die Marie-Eve auf ihre Art zur Seite steht. Vandana wirkt modern, nicht wie eine traditionsbewusste Inderin und ist derart hübsch, sie könnte aus einer Bollywood-Produktion stammen - dem indischen Äquivalent zur amerikanischen Film-Massenabfertigung. Sie ist nicht die einzige Reisebekanntschaft, die auf Marie-Eve einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Unter denen ist der staubtrockene, deutsche Kiffer Tom (Uwe Rohde - von ähnlicher Coolness wie sein berühmter Bruder Armin!), ein indischer Weiser und viele mehr. Alle begleiten uns auf einer Irrfahrt durch das Land, immer auf den Spuren von Paul...

Ein großes Handicap ist, dass die Figuren recht flach bleiben und wir nicht sehr viel über sie erfahren. Alles wirkt schwarz-weiß-malerisch. Was reizt Marie-Eve überhaupt an ihrer Arbeit und welchen Grund sollte sie haben, nach Deutschland zurückzukehren? Das Prinzip der Gegensätze und verschiedenen Welten, die aufeinander prallen, ist wenig überraschend und nicht eben neu. Wir wissen von Anfang an: Marie-Eve lebt falsch, der flippige, unbesorgte Bruder dagegen führt ein stressfreies Lotterleben. Das Detail, wie sich so einer in Indien finanziert, gehört zu den vielen Ungereimtheiten im Film. Der Low-Budget-Film ist zwar voll von netten, kleinen Ideen, doch sie sind zu einem Großteil leider vertan. Einiges wird nur an der Oberfläche angekratzt, wie das nicht uninteressante Verhältnis der konträren Geschwister. Sie flucht auf ihren kleinen Bruder, den sie immer wieder aus dem Schlamassel holen darf - spätestens zum Schluss wird deutlich, dass es in diesem Fall der Bruder war, der die Weitsicht besaß und die erwachsene Schwester aus dem tristen Dasein lockte. Niemandem muss erklärt werden, wie faszinierend das Land Indien, seine Einwohner, seine Kultur und Traditionen sind. Besonders für Reisende aus dem Westen, die nicht selten mit festgefahrenem Weltbild und Werten ankommen. Es ist kein Zufall, dass viele Sinnsucher und Aussteiger nach Indien reisen und dort Spiritualität erfahren wollen. Eine berauschendere Kulisse kann sich ein Film kaum wünschen. Leider aber erahnt man hier kaum den Kulturschock, von dem so viele Indien-Reisende berichten konnten. Das Wenige, was man von Indien in "Alles wegen Paul" in wackligen Bildern zu sehen bekommt, ist vergleichsweise benutzerfreundlich. Teilweise erklärt sich das durch die Handlung. Das Gefühl des Zuschauers, hier sei doch einiges konstruiert, wird bestätigt und am Ende originell aufgelöst. Und somit ist auch Marie-Eves Reise und alles, was sie zu sehen bekommt, nur konstruiert. Ihr Abenteuer ist nur ein geplantes und ihr Interesse daran, Indien kennenzulernen und zu begreifen, äußerst begrenzt.

Richtig sehenswert sind die echten Inder, die in Nebenrollen besetzt sind. Unter ihnen sind Originale mit ausdrucksstarken Gesichtern, die mehr erzählen, als es jeder Film könnte. Es lohnt sich, den Abspann abzuwarten, denn der rollt auf einem Schild ab, das von einfachen Leuten auf der Straße hochgehalten wird, die neugierig in die Kamera grinsen. Dieser Art sind die Einfälle, für die man die Produktion mag.

"Alles wegen Paul" bietet sympathische, muntere Kurzweil, die man guten Gewissens weiterempfehlen kann, nur sucht man vergeblich nach einer tieferen Ebene. Interessant wäre die Frage, inwieweit die Erlebnisse des Italieners Colagrossi in seiner Wahlheimat Deutschland in den Film eingeflossen sind.  

Jessica Ridders / Wertung: * * (2 von 5)

Quelle des Fotos: Cheese Filmproduktion


Filmdaten

Alles wegen Paul
(Om Ganesha Namah - Alles wegen Paul)

Deutschland/Indien 2001;
Regie & Drehbuch: Angelo Colagrossi;
Produktion: eine Cheese Filmproduktion; Produzenten: Hape Kerkeling, Angelo Colagrossi; Kamera: Sven Kierst; Schnitt: Andrea White; Musik: Karim S. Elias;
Darsteller: Janette Rauch, Max von Thun, Tina Choudhary, Uwe Rohde, Karina Schieck, Jenny Jürgens u.a.

Länge: 75 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung



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