1979 (Kritik: Februar 2003)

Von der Psyche und dem Kampf mit einem erotischen Monster

Alien


Die Handlung von Alien ist schnell erzählt und folgt dem gängigen Schema des Horror-Genres: Die Besatzung eines Raumschiffes wird durch ein außerirdisches Ungetüm erfolgreich und blutig dezimiert, um am Ende selbst vernichtet zu werden. Doch was diesen Film auf lange Sicht hin bis heute spannend macht, und ihn schließlich zu einem Klassiker des Genres aufsteigen ließ, ist seine perfide Doppelbödigkeit, die sich wie ein roter Faden durch die Handlung zieht.

Filmplakat"Alien" ist weniger als Weltraumfilm zu verstehen, als das er mehr eine drastische Darstellung der menschlichen Psyche ist, die in Konfrontation mit ungezügelter, gewissenloser Sexualität steht. Das Raumschiff "Nostromo", welches von einem Computer namens "Mutter" gesteuert wird, weckt die Besatzung aus dem Tiefschlaf. Allein diese anfängliche Sequenz drängt einen zu psychoanalytischer Betrachtungsweise. Eine elektronische Mutter weckt ihre Kinder. Das Weiß des Raumes und die in Windeln gewickelten Besatzungsmitglieder, lassen einen durchaus an eine Kreissaal mit Brutkästen erinnern. Die Protagonisten werden in ihrer augenscheinlichen Unschuld in die Welt entlassen. Die elektronische Mutter allerdings setzt ihre Kinder regelrecht aus, statt auf der sicheren Erde werden sie mitten im Weltall geweckt. In dieser Situation, völlig auf sich allein gestellt, werden die "Kinder" gezwungen selbstständig zu agieren. Einem Funksignal folgend, stoßen die Astronauten auf ein außerirdisches Raumschiff. Das Design des Schiffes macht unmissverständlich klar mit welcher Gefahr die "Kinder" konfrontiert werden. Die Einstiegsluken des Schiffes erinnern an eine vergrößerte Vagina, in deren feucht-warmen Inneren sich hunderte von Eiern befinden. Ash, ein Wissenschaftsoffizier, der sich später als mechanischer "Vater" offenbaren wird, beobachtet wohlwollend die Erkundungsversuche der Astronauten vom Mutterschiff aus. Das FilmszeneBesatzungsmitglied Kane wird durch ein spinnenartiges Wesen attackiert, welches ihm ein Embryo in den Bauchraum pflanzt. Der erste Kontakt mit dem fremden Wesen ist somit ein rein sexueller, und gleicht einer Vergewaltigung. Sexuelle Grenzen werden überschritten, wenn ein Mann als Mutter mißbraucht wird: der Embryo bricht durch die Bauchdecke Kanes und tötet ihn. Der fleischgewordene Eros hat sein erstes Opfer. Nun beginnt ein klassisches Katz-und-Maus-Spiel um die Vernichtung des Aliens, welches von Ridley Scott geschickt in Szene gesetzt wird. Die Kamerafahrten durch die dunklen Gänge in Kombination mit einem pulsierendem Geräuschteppich, lassen die "Nostromo" fast lebendig erscheinen, nicht zuletzt auch, weil sich das Alien, dank seiner organischen Optik, nahtlos in die Kulisse einfügt. Überhaupt ist das vom Schweizer (!) H.R. Giger entworfene Alien das bedrohlichste, aber auch das erotischste Filmmonster, das bis dahin die Leinwand zieren durfte. Die phallische Kopfform und das weit geöffnete Maul, bei dem "Zunge zeigen" gleich Defloration bedeutet, bedarf es keinen Kommentars mehr.

Die Protagonisten handeln in Angesicht des Dämons Sexualität nun alle unterschiedlich, aber nur eine Figur, Ripley, macht eine deutliche Entwicklung durch. Der Ingenieur Brett, der sich hinter dem Ausspruch "genau" in Passivität wiegt, Captain Dallas, der zurück zu "Mutter" geht um sich Rat zu holen, Lambert, die von Angst und Panik dominiert wird und schließlich Parker, der als Macho völlig versagt, fallen dem Alien zum Opfer. Sicherlich kann man ihre stereotypischen Handlungsweisen mit ihrer sexuellen Identität in Verbindung sehen, wofür sie vom Alien "bestraft" werden.

FilmszeneRipley allerdings lässt sich nicht bestrafen, vielmehr entwickelt sie sich von einer unsympathischen Nebenfigur zu einer starken, emanzipierten Filmheldin, die den "Vater" Ash, entlarvt und die elektronische "Mutter" vernichtet. Losgelöst aus diesem elterlichen Rahmen, flüchtet sie sich mit der Bordkatze in einen Raumgleiter, wo sie sich auf den Hyperschlaf vorbereitet. In dieser entscheidenden Szene entkleidet sich Ripley und deckt somit als einzige Figur des Films ihre Sexualität offen auf. Die gerettete Katze unterstreicht hier bildlich ihre stark gewordene Weiblichkeit. Doch einer Ermahnung gleich, taucht das Alien auf, und zwingt Ripley, sich in einem unförmigen Raumanzug zu verhüllen. Erst nach dem erfolgreichen Kampf gegen das Monster der zerstörerischen Sexualität kann sich Ripley, in der Gewissheit einen Kampf auf allen Ebenen der menschlichen Psyche gewonnen zu haben, als emanzipierte Frau in den Dornröschenschlaf zurückziehen.

Somit ist Ridley Scott ein vielschichtiger Horrorfilm gelungen, der durch seine Komplexität und seine technischen Perfektion erstaunlich modern geblieben ist. Der Film nimmt seine Hauptfigur ernst, nie zuvor hatte es so eine starke Filmheldin gegeben, die trotz ihres harten Handelns nicht ihre Weiblichkeit verloren hat. Selten wurde so interessant mit Thema Emanzipation und sexuelle Identität umgegangen, wie in diesem Film, was nicht zuletzt der großartigen darstellerischen Leistung von Sigourney Weaver als Ripley zu verdanken ist.

 
Matthias vom Schemm / Wertung: * * * * (4 von 5)



Filmdaten

Alien - Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt
(Alien)

Regie: Ridley Scott; Darsteller: Sigourney Weaver (Ripley), Tom Skerritt (Dallas), Harry Dean Stanton (Brett), John Hurt (Kane), Ian Holm (Ash) u.a.; Drehbuch: Dan O'Bannon, Walter Hill, David Giller; Kamera: Derek Vanlint; Musik: Jerry Goldsmith; Produktion: 20th-Century Fox / Brandywine;

USA 1979; Länge: 125 Minuten, FSK: ab 16 Jahren, Uraufführung: 25. Mai 1979


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Offizielle Seite zum Film
(deutsch)
Alien - Der Film
<15.10.2003>  




Zitat

"Ich war von vielen Filmen begeistert, sogar von einigen, die ich nicht mochte."

Regisseur Quentin Tarantino, der bei den Filmfestspielen in Cannes 2009 nicht nur seinen Film "Inglourious Basterds" vorstellte, sondern sich auch andere Filme ansah

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