03.08.2016

Vater-in-spe wider Willen


Alice in den Städten

Das klassische Road Movie von Regisseur Wim Wenders, im Sommer 1973 gedreht, umkreist Orientierungs- und Heimatlosigkeit, Sehnsucht und Wünsche, die vielleicht in Erfüllung gehen – vielleicht auch nicht. Ein deutscher Journalist, Philip Winter (Rüdiger Vogler), hält sich für eine Reportage in den USA auf. Er ist Einzelgänger, der eine Schreibblockade hat. Wie zwanghaft macht er stattdessen Polaroid-Fotos von allen möglichen Gegenständen, die er sieht. Personen bildet er nicht ab, er hat das Gefühl für Mitmenschen ebenso verloren wie für seine Texte. Beides wird sich zum Schluss des Films ändern, nachdem Philip väterliche Gefühle entwickelt: Ein Mädchen, Alice (Yella Rottländer), läuft ihm über den Weg. Philip ist gezwungen, sich um die Kleine zu kümmern.

Wim Wenders ist mittlerweile über die 70 hinaus. Ohne ihn sind die letzten knapp 50 Jahre des deutschen Kinos kaum denkbar. Einer seiner ersten wichtigen Filme ist "Alice in den Städten". Es lohnt ein Blick auf den möglicherweise besten Film Wenders', ein Film, der sich angemessen Zeit für seine Charaktere nimmt.

Ein wenig hat der Regisseur der Werbebranche über die Schulter geschaut: Es heißt ja, Kinder und Tiere erfüllten dort ihren Zweck. Wenders setzt auf die Konstellation Mädchen und fremder Erwachsener, und er gewinnt dem für seinen Film eine Menge ab. Die männliche Hauptfigur, der 31-jährige Philip, ist mit einer Neunjährigen, Alice, konfrontiert. In New York verpassen er wie das Mutter-Tochter-Gespann Lisa (Lisa Kreuzer) und Alice wegen eines Streiks einen Flug zurück in die Heimat. Warum am Tag darauf Lisa Alice bei ihm im Hotel lässt und für den Rest des Films verschwindet, vorgeblich, um einen Mann wiederzutreffen, von dem sie sich getrennt hat, beantwortet das Drehbuch von Wenders und Veith von Fürstenberg nicht. Muss es auch nicht. Der Film konzentriert sich fortan auf die (niemals erotische) Mann-Kind-Beziehung, die ihren Weg nach Deutschland findet. Philip ist hin- und hergerissen zwischen dem Loswerden des Mädchens und dem Schutzinstinkt. Eine lockere Freundschaft entwickelt sich, die zwischen Ab- und Zuneigung laviert, während die beiden in Wuppertal und dem Ruhrgebiet nach Alices Großmutter suchen.

Wim Wenders charakterisiert seine Figuren richtig. Aus dem Menschenfeind mit Schreibblockade wird ein Vater-in-spe, das Mädchen Alice wird als mal zickig, mal verspielt dargestellt. Einen Kniff erlaubt sich der Regisseur und Co-Drehbuchautor, indem er mit der Erwartungshaltung des Zuschauers spielt: Philip lernt Lisa und Alice kennen. Es beginnt aber keine Beziehung der beiden Erwachsenen. Sondern eine des Mannes zur Tochter der Frau, während diese sich schnell aus dem Film verabschiedet. Die Überraschungsbeziehung funktioniert in ihren Höhen und Tiefen, dem Vertrauen zueinander und dem Herumzicken beider Protagonisten.

Wenders weiß, wie man Stimmungen erzeugt. Und künstlerisch wertvolle Bilder. Sei es ein Junge, der neben einer Jukebox steht. Sich nicht rührt, während die Musik läuft. Wenders hält die Kamera drauf, fixiert das unbekannt bleibende Kind. Sei es der lange Einstieg in den Film: Philip sitzt unter einer Brücke. Fotografiert mit Polaroid. Desinteressiert. Eigenbrötlerisch. Verloren. Dem folgen Fahrten. Viele Fahrten. Im Auto. Mit dem Flugzeug – die erste Einstellung des Films zeigt eines, die letzte einen Zug. Es kommt auch die Wuppertaler Schwebebahn ins Spiel. Abfahrt und Ankunft, Losziehen und Ankommen, Wenders definiert den Begriff Road Movie als andauernde Suche nach etwas, vor allem nach sich selbst.

Nebenbei ist der Film eine Reminiszenz an Alfred Hitchcocks "Der unsichtbare Dritte". Lisa heißt mit Nachnamen van Damm wie eine Figur aus dem Thriller von 1959, außerdem ist mal "Northwest" deutlich lesbar. Hitchcocks Film heißt im Original "North By Northwest". Die Hauptfigur darin ist ein Mann, der über einen ganzen Kontinent reist, um zu fliehen bzw. um eines Rätsels Lösung auf die Spur zu kommen. Wie Rüdiger Voglers Philip. Die Hitchcock-Figur Vandamm heißt mit Vornamen Phillip.

Wer Wim Wenders' lange Einstellungen nicht schätzt, kann auch diesem Film wenig abgewinnen, wenngleich sie weniger dramatisch als sonst ausfallen. "Alice in den Städten" könnte auch noch einfallsreicher sein bei der Darstellung der Beziehung von Mann und Kind. Größtes Manko des Films ist sein Titel: Die Anspielung auf Lewis Carrolls "Alice im Wunderland" ist sehr gewollt, wenn nicht missglückt.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * (4 von 5)



Filmdaten

Alice in den Städten


Titel für den englischsprachigen Markt: Alice in the Cities

Bundesrepublik Deutschland 1974
Regie: Wim Wenders;
Darsteller: Rüdiger Vogler (Philip Winter), Yella Rottländer (Alice), Lisa Kreuzer (Lisa), Edda Köchl (Freundin in New York), Didi Petrikat (Frau im Schwimmbad), Chuck Berry (er selbst), Hans Hirschmüller ("Händler der vier Jahreszeiten"; Polizist) u.a.;
Drehbuch: Wim Wenders, Veith von Fürstenberg; Redaktion: Joachim von Mengershausen; Produktion: Produktion 1 im Filmverlag der Autoren, WDR; Kamera: Robby Müller; Musik: Can; Schnitt: Peter Przygodda;

Länge: 107 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; westdeutscher Kinostart: 17. Mai 1974

Auszeichnung:
Preis der deutschen Filmkritik 1974



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Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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