31. Januar 2001
Der kalte Mikrokosmos einer Plattenbausiedlung

alaska.de


In ihrem Spielfilm-Regiedebüt schildert die bisherige Kurzfilm-Regisseurin und Journalistin Esther Gronenborn das Erwachsenwerden Jugendlicher in einer Satellitenstadt. Gefühlskälte, Geltungsdrang und Bandenkriege sind an der Tagesordnung. In diese Welt wird die 16-jährige Sabine gestoßen. Im Mikrokosmos der Plattenbausiedlung erlebt Sabine Gewalt unter gleichaltrigen Jugendlichen - einen Kampfhund zu besitzen, adelt.

alaska.de Der Titel des Films scheint auf eine Internet-Seite hinzuweisen. "alaska.de" hat aber weder mit dem WorldWideWeb, noch mit dem nördlichsten Bundesstaat der USA, sehr wohl aber mit Deutschland zu tun.
Mit Deutschland im Kampfhundejahr 2000, dem Jahr, in dem die Bundesregierung angesichts steigender Todes- und Verletztenzahlen durch Kampfhundeangriffe vor allem in Trabantenstädten hart gegen die lasche Haltung der Hunde durch die Besitzer durchgreifen musste. In "alaska.de" sind die Hundebesitzer noch nicht dazu angehalten, ihren Hunden Maulkörbe anzulegen - oder sie sind es laut Gesetzgebung schon und tun's doch nicht? Denn die Jugendlichen des Ghettos im Film regieren sich selbst.

In diesen ihr unvertrauten Mikrokosmos zieht die 16-jährige Sabine (Jana Pallaske) um. Ihre Eltern sind geschieden, und sie wechselt zu ihrem Vater (Andreas Hoppe), denn die Mutter hat einen Freund, mit dem es ständig Ärger gibt. Ihr Vater wohnt in einer Plattenbausiedlung am Rande einer Großstadt - dass es Berlin-Marzahn ist, wird nicht explizit erwähnt. Wie sehr sie in dieser Hochhauswelt auf sich allein gestellt ist, erfährt sie gleich nach der Ankunft. Der 17-jährige Eddi (Frank Droese) hat keine Lust, ihr bei der Suche nach der Straße ihres Vaters zu helfen, und lässt sie mit dem Stadtplan einfach stehen. Ist Eddi doch emotional abgehärtet durch seine Gang, die vom kriminellen 18-Jährigen Micha (Toni Blume) geführt wird. Mitglied in einer Gang zu sein, bedeutet, ständig Krieg zu führen, so kommt es, dass Eddi zum Totschlag eines Jungen aus einer rivalisierenden Gang gezwungen ist, da dieser Micha im Kampf bedroht hat. Sabine sieht Micha von der Leiche flüchten und ist fortan in Lebensgefahr, als Zeugin ist sie gefährlich, und Micha hat schon genügend Ärger mit der Polizei.

Für "alaska.de" griff Esther Gronenborn fast ausschließlich auf junge, noch unbekannte Schauspieler zurück - nur Andreas Hoppe als Vater kennt man aus Film und Fernsehen. Aus der Jungdarstellerriege holt die Regisseurin alles heraus, um die Tristesse des Lebensraums der Filmfiguren und ihre daraus resultierende Hoffnungslosigkeit glaubhaft zu vermitteln; wenn auch Frank Droese für den Fensterputzer Eddi mit nicht realisierbaren Lebensträumen eine Spur zu gepflegt wirkt.

alaska.de Die Figuren sind in der Satellitenstadt gefangen, sie bestimmen in ihrer Altersgruppe die Regeln, aber sie stecken in ihrer Orientierungslosigkeit fest. Auf sie wartet ein lebenslanger Verbleib in den Hochhausschluchten; der Film wird die Plattenbausiedlung, kaum dass Sabine dort angekommen ist, nicht mehr verlassen. Gesättigte Brauntöne bestimmen das Bild in "alaska.de", so dass es fast schwarz-weiß ist - damit lässt Esther Gronenborn noch nicht einmal die fast stets zu sehenden Graffiti an den fast stets zu sehenden ansonsten kahlen, verdreckten Hochhauswänden farbenfroh erscheinen. Um sich in der Siedlung zurecht zu finden, erklärt Eddi Sabine einmal, hilft es, den oberirdischen Wasserrohrleitungen zu folgen, "wie bei den Pipelines in Alaska".

Die Jugendlichen haben noch Lebensträume, sind aber dem Leben in der Clique angepasst. Sogar Sabine gelingt es, sich mit dem neuen Leben zu arrangieren. Symbolisch steht dafür, dass sie mit Michas Kampfhund wie mit einem normalen Haushund Gassi gehen wird, während Micha den Hund seinerseits vernachlässigt. Eddi, der Sabine in die Clique eingeführt hat, wird ihr Freund. Aber er steckt dabei schon in der Halbherzigkeit fest: Kann er mit Sabine eine Zukunft errichten oder ist es ihm doch wichtiger, herauszufinden, wie viel sie über den Mord weiß, da Micha ihn unter Druck setzt? Eddis Zögern wird dem Film einen den amerikanischen Action-Filmen zu sehr verpflichteten Showdown geben. Wie die Regisseurin aber die Probleme der Jugendlichen in ihrer Verpflichtung gegenüber ihrer eigenen Gesellschaft zeigt, da sie ja doch nicht mehr aus ihr raus können, ist sehenswert, ja schockierend realistisch.

Für ihre Regieleistung erhielt Esther Gronenborn den Bayerischen Filmpreis 2001 in der Kategorie beste/r Nachwuchsregisseur/in.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Arthaus

 
Filmdaten 
 
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Deutschland 2000
Regie & Drehbuch: Esther Gronenborn; Kamera: Jan Fehse; Schnitt: Christian Lonk; Musik: Moser, Meyer, Döring; Produzenten: Eberhard Junkersdorf, Dietmar Günsche;
Darsteller: Jana Pallaske (Sabine), Frank Droese (Eddi), Toni Blume (Micha), Andreas Hoppe (Vater), Axel Prahl (Polizist Wünsche) u.a.;
Länge: 89 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; deutscher Kinostart: 25. 1. 2001; ein Film im Verleih von Arthaus



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Bilder aus dem Film
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Zitat

"Ich bin eine Hure, alle Schauspieler sind Huren. Wir verkaufen unsere Körper an den Meistbietenden."

("I'm a whore, all actors are whores. We sell our bodies to the highest bidder.")

William Holden

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