07.03.2018

After Earth

Vor einem Jahrtausend musste die Menschheit die unbewohnbar gewordene Erde verlassen, und siedelte sich auf dem entfernten Planeten Nova Prime an. Hier wächst der 13-jährige Kitai Raige (Jaden Smith) auf, der nach dem Vorbild seines Vaters Cypher (Will Smith) eine militärische Laufbahn einschlagen will. Als Cypher nach langer Abwesenheit zu seiner Familie zurückkehrt, ist das von einem Machtgefälle geprägte Verhältnis zwischen Vater und Sohn sehr angespannt. Also schlägt der kantige General vor, dass Kitai ihn bei einer Inspektionsreise in den Weltraum begleiten soll. Unterwegs gerät das Raumschiff jedoch in einen Asteroidenhagel und muss auf einem Planeten notlanden, der sich bald als die verlassene Erde entpuppt.

Nur Kitai und sein Vater überleben den Absturz, und weil Cypher schwer verletzt ist, muss der Sohn die Rettung der beiden organisieren. Bei der Bruchlandung ist das Raumschiff in zwei Teile zerbrochen, und der dringend zu aktivierende Notfallsender befindet sich im hundert Kilometer entfernt liegenden Heck des Schiffs. Auf dem Weg dorthin lauern etliche Gefahren: Die Natur hat sich die Erde in den Jahren ohne Menschen mit Nachdruck zurück erobert und zahlreiche Tierarten beherrschen den von Pflanzen überwucherten Planeten. Atmen können Menschen nur mit Hilfe von Sauerstoffampullen und nachts sinken die Temperaturen so dramatisch, dass die vormaligen Beherrscher der Erde nur an gewissen "Hot Spots" überleben können, an denen der Boden auch nachts warm bleibt. Zu allem Überfluss war bei der Notlandung des Raumschiffs auch ein sogenannter Ursa an Bord, ein gefährliches Alien, das gezielt Jagd auf Menschen macht und nun die Urwälder durchstreift. Während Cypher jeden Schritt seines Sohnes dank Kameratechnik beobachten und per Funk anleiten kann, muss sich Kitai der Gefahr stellen und seine Angst überwinden.

Im dramaturgischen Mittelpunkt des Films von M. Night Shyamalan, der auf sein Meisterwerk "The Sixth Sense" (USA 1999) bis heute keinen vergleichbar gelungenen Film folgen ließ, steht die problematische Vater-Sohn-Beziehung zwischen Cypher und Kitai, die mit Will und Jaden Smith von einem echten Vater-Sohn-Gespann verkörpert wird. Während Kitais Reise über die für Menschen unwirtlich gewordene Erde tritt der Vater via Funk im wahrsten Sinne des Wortes als innere Stimme und Lehrmeister in Erscheinung. Wie jegliches Handeln des Kriegshelden Cypher, den seine Frau treffend als "eingerostet" bezeichnet, ist auch die Beziehung zum Sohn von militärischen Gebaren durchzogen: "Das ist ein Befehl!" lautet ein oft verwendeter Ausspruch des Vaters, der sich vom Sohn als "Sir" bezeichnen lässt. In der Männerwelt von "After Earth" trifft der allgegenwärtige Militarismus wiederholt in seltsam unkritischer Weise auf heroische Gesten – so ist ein pathetisch vollzogener militärischer Gruß das adäquate Mittel zum Ausdruck von Emotionen, und der Sohn muss sich im Kampf beweisen, um die Achtung seines Vaters zu erhalten.

Die lebensgefährliche Heldenreise Kitais ist nichts anderes als ein Männlichkeitsritual. Der zentrale Konflikt im Inneren des jungen Helden ist dabei die Überwindung seiner Angst, die in der Story auch einen ganz praktischen Nutzen hat: Der furchteinflößende Ursa, der es wie der "Predator" (John McTiernan, USA 1987) auf Menschen abgesehen hat, kann seine Opfer nämlich nur dann optisch wahrnehmen, wenn diese Angst haben und Pheromone ausstoßen – ein angstfreier Mensch bleibt für das Alien unsichtbar. Eine Koryphäe in der Bekämpfung der Ursa ist, wie sollte es auch anders sein, General Cypher höchstpersönlich, der das als "ghosten" bekannte Phänomen quasi erfunden hat. Für Kitai ist es nicht gerade leicht, in diese großen Fußstapfen zu treten, zumal er als kleiner Junge die brutale Tötung seiner Schwester durch einen Ursa miterleben musste. Inmitten der feindlichen Umgebung der Erde muss Kitai dieses Kindheitstrauma abschütteln, wenn er überleben will.

Der Ursa selbst schwebt dabei lange wie ein Damoklesschwert als Bedrohung im Hintergrund, und avanciert im Kontext der Erzählung zur allgemeinen Chiffre für die mannigfaltigen Gefahren, die der Held überstehen muss – lapidar könnte man sagen, der Ursa versinnbildlicht den "inneren Schweinehund" Kitais. Ideologisch scheint diese zum obersten Ziel ernannte Überwindung der Angst fragwürdig, denn schließlich handelt es sich bei diesem tief im Inneren verwurzelten Gefühl um einen zentralen menschlichen Wesenszug. Die Frage, was vom Menschen übrig bleibt, wenn er seine Angst vollständig über Bord wirft, beantwortet "After Earth" allenfalls mit der emotionslosen Vaterfigur, die Will Smith passenderweise sehr hölzern anlegt. Als der General den Funkkontakt zu seinem Sohn verliert und von dessen Tod ausgehen muss, zeichnet er eine erschreckend nüchterne Audionotiz für seine Frau auf: "Das ist eine Nachricht für meine Frau. Ich habe den Kontakt zu unserem Sohn verloren – Ende."

Während der oft überdeutlich und plump erzählte Konflikt zwischen Vater und Sohn, der letztlich ein Konflikt im Inneren Kitais ist, erzählerisch nicht allzu viel hergibt, unterhält "After Earth" mit seinem durchaus ansehnlichen Setting. Die überwucherte Erde zeigt M. Night Shyamalan in malerischen Panoramen: Ein mächtiger Wasserfall, die dichte Vegetation oder ein Vulkan sorgen für Schauwerte, wenngleich die teils unglücklichen Spezialeffekte kaum die Qualität vergleichbarer Produktionen erreichen. Gleich nach der Bruchlandung auf der Erde beobachtet Kitai eine große Büffelherde, die majestätisch über Mutter Erde wandert – etwas später macht Kitai mit einem übergroßen Raubvogel Bekanntschaft, der liebevoll seine Jungen großzieht. In solchen Bildern kritisiert "After Earth" in ähnlicher Weise wie "Avatar" (James Cameron, USA 2009) die systematische Zerstörung der Natur durch den Menschen. Im Kontrast zu den hochtechnisierten Städten auf Nova Prime, ist die Erde tausend Jahre nach den Menschen geradezu ein Paradies – und dieses Mal ist es die innere wie äußere Natur, die den Menschen bedroht.



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn / Wertung: * * (2 von 5)



Filmdaten

After Earth
(After Earth)

USA 2013
Regie: M. Night Shyamalan;
Darsteller: Jaden Smith (Kitai Raige), Will Smith (Cypher Raige), Sophie Okonedo (Faia Raige), Zoë Kravitz (Senshi Raige), Glenn Morshower (Commander Velan), David Denman (Soldat McQuarrie), Jaden Martin (neun Jahre alter Kitai) u.a.;
Drehbuch: M. Night Shyamalan, Gary Whitta nach der Story von Will Smith; Produzenten: James Lassiter, Jada Pinkett Smith, Caleeb Pinkett, M. Night Shyamalan, Will Smith; Kamera: Peter Suschitzky; Musik: James Newton Howard; Schnitt: Steven Rosenblum;

Länge: 100 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; deutscher Kinostart: 6. Juni 2013



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Zitat

"Er etablierte eine Form der Filmkritik, wie es sie vorher und nachher nicht mehr gab. Merker bestand darauf, bei der Auswahl der Filme und der Ausschnitte freie Hand zu haben - was heutzutage, im Zeitalter der immer gleichen Clips, undenkbar ist. Jahrelang gaben sogar die großen Verleihe nach, weshalb Hollywood bei ihm eine ebenso große Rolle spielte wie unabhängig gedrehte, schützenswerte Werke. Helmut Merker mochte nicht einzelne Filme, sondern er liebte das Kino."

Aus dem Nachruf von Milan Pavlovic in der Süddeutschen Zeitung zum Tode des früheren WDR-Filmredakteurs, Filmpublizisten und
-kritikers Helmut Merker (18.08.1942 - 03.09.2018)

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