23.02.2010
Eine göttliche Komödie

A Serious Man


A Serious Man: Larry Gopnik (Michael Stuhlbarg) "Wer die Fragen nicht beantwortet, hat die Prüfung bestanden", schrieb Kafka einst. Hätte Larry Gopnick den Satz gekannt, es hätte ihm so einiges erspart. "Wen Gott liebt, den prüft er", glaubt der gute Mann stattdessen – und gibt so einen modernen Hiob in dem neuesten Film der Coen-Brüder. Warum "A Serious Man" nichts Geringeres als die Rückkehr zu alter Höhe markiert, erklärt unsere Rezension.

Rückkehr zu alter Höhe? Haben die Coen-Brüder mit ihrem vorletzten Film "No Country for Old Men" (2007) nicht einen Oscar gewonnen? Obwohl der Streifen durchaus Coen-typische Elemente – kuriose Charaktere, ein befremdliches Ende – hatte, war er doch eindeutig eine Adaption von Cormac McCarthys gleichnamigem Buch. Es ist wohl eher diese starke Vorlage denn der kongeniale Stil der Coens, welcher den Oscar bescherte.

Betrachtet man das genuine Schaffen der Regiebrüder während der letzten neun Jahre, so fällt die Bilanz deutlich schlechter aus. Spätestens seit "The Man Who Wasn’t There" (2001) – manche sagen sogar bereits nach "The Big Lebowski" (1998) – nahm die Qualität der Filme deutlich ab. Die Sujets wurden seichter, die Namen der Hauptdarsteller größer. Wo die Coens früher die zweite und dritte Garde oder gar Neulinge in absurden Szenarien zu Höchstformen auflaufen ließen ("Blood Simple", "Barton Fink", "Fargo"), da konnten George Clooney und Tom Hanks in müden Hommagen ("Ein (un)möglicher Härtefall") oder bestenfalls konservativen Remakes ("Ladykillers") kaum überzeugen. Auch der letzte Film "Burn after Reading – Wer verbrennt sich hier die Finger" hatte zwar einige lichte Momente, kam aber über das Selbstzitat und bloße Albernheit nicht hinaus.

A Serious Man: Larry Gopnik (Michael Stuhlbarg)Diese Durststrecke ist mit "A Serious Man" nun endlich überwunden. Darin geht es um das Leben eines Mathematik-Professors, dessen Spezialität eine Gnu-gleiche Gemütsruhe ist. Diese wird er im Verlauf des Films auch bitter nötig haben: Seine Frau betrügt ihn mit einem Dummschwätzer, sein Sohn dröhnt sich in der Schule zu und die Ernennung zum Professor auf Lebenszeit ist durch infame Briefe eines unbekannten Absenders gefährdet. Gopnik beginnt sich flugs die Sinnfrage zu stellen, und da er Jude ist, hat er rasch einen Adressaten gefunden: Jahwe. Oder seine Deuter: drei Rabbis, die dem Film kapitelweise eine Struktur geben.

Ähnlich wie der Mann aus Kafkas Parabel "Vor dem Gesetz" versucht Larry Gopnik (Michael Stuhlbarg) nun den Grund seiner ständig schlimmer werdenden Situation zu ergründen. Doch eine Antwort findet auch er nicht. Stattdessen begegnen ihm absurde Charaktere, wo auch immer es ihn hin verschlägt. Der koreanische Student, der keine Mathematik versteht, aber Schroedingers Katze und das Gesetz des Geldes, die kiffende Femme Fatale von nebenan, die falschen Freunde in Gestalt des gierigen Anwalts und seines dicken Gehilfen – all das kommt einem heimisch vor, wenn man die frühen Filme der Coens kennt. Selbst die Orte – die Absteige "Jolly Roger's" oder die Massivholz-Autorität des Arbeitszimmers des Oberrabbis – gehören zu jenen treffenden Karikaturen, für die die Coen-Brüder bekannt sind. Es ist kein Zufall, dass zwar kein großer Star mitspielt, aber viele altbekannte Gesichter auftauchen und die Charaktere bis in die marginalen Nebenrollen hinein perfekt besetzt sind.

A Serious Man: Mrs. Samsky (Amy Landecker), Larry Gopnik (Michael Stuhlbarg)Was diesen Film bei aller Kontinuität dann doch anders macht, ist seine beißende Religionskritik. Dass es hier gerade das Judentum erwischt hat, ist wohl eher dem biographischen Detail statt einer bösen Spitze geschuldet. Die Coens kannten das Milieu Ende der 1950er Jahre, welches sie nun auf so amüsante Weise karikieren. Doch wer hier lacht – und zu lachen gibt es einiges! – der lacht nicht über das Judentum, sondern Religion als solches. Es ist die Idee, dass es für alles im Leben Antworten geben müsse, dass uns jemand den Sinn verraten könnte, die hier ad absurdum geführt wird. Hinter ihrer Autorität, hinter den Sitten jahrhundertealter Tradition sind die weisen Männer genauso klug oder dumm wie der Rest. Mit ihnen zu sprechen gleicht der grotesken Verzweiflung, mit der der Mann aus Kafkas Türwächter-Parabel mit den Flöhen im Pelzkragen des Wächters zu sprechen begann.

Doch die Coens wären nicht die Coens, wenn sie es mit irgendetwas ernst meinten oder nun gar ihrerseits Gewissheiten feilböten. So endet ihr Film abrupt und lässt wieder einmal alle Fragen offen. Vielleicht liegt die Religion doch nicht ganz daneben und man sollte sich besser nicht mit Jahwe anlegen? Die Antwort kennt niemand.  

Thomas Hajduk / Wertung: * * * * * (5 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Tobis

 
Filmdaten 
 
A Serious Man (A Serious Man) 
 
USA / GB / Frankreich 2009
Regie: Ethan und Joel Coen;
Darsteller: Michael Stuhlbarg (Larry Gopnik), Richard Kind (Onkel Arthur), Fred Melamed (Sy Ableman), Sari Lennick (Judith Gopnik), Aaron Wolff (Danny Gopnik), Jessica McManus (Sarah Gopnik), Peter Breitmayer (Mr. Brandt), Brent Braunschweig (Mitch Brandt), David Kang (Clive Park) u.a.; Drehbuch: Joel und Ethan Coen; Produktion: Ethan Coen, Joel Coen; Ausführende Produktion: Tim Bevan, Eric Fellner, Robert Graf; Kamera: Roger Deakins; Musik: Carter Burwell; Länge: 105 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Tobis; deutscher Kinostart: 21. Januar 2010



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Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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