17.02.2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Berlinale Special Gala

A Quiet Passion


A Quiet Passion Dass Schreiben ein Substitut für Leben sei, gehört zu den Topoi, die scheinbar nicht aus der Welt zu schaffen sind. Der Poet hat zu schweigen, zu empfinden und das Empfundene in seinem Innersten in Literatur zu verwandeln – an der Welt teilhaben soll er nicht. Emily Dickinson, zu ihren Lebzeiten wenig rezipiert, mittlerweile jedoch zum Kanon der großen amerikanischen Lyrik zählend, gehört zu den Dichterinnen, denen gerne Weltabgewandtheit zugeschrieben wird; auch wenn die Quellenlage, auf die sich die Literaturgeschichtsschreibung stützen kann, in dieser Hinsicht keineswegs eindeutig ist. Terence Davies stolpert bei seinem ungelenken Versuch, eine eigenwillige Literatin zu porträtieren, von einer anfänglich charmanten Komödie leider viel zu schnell in die Klischeefalle. Dies ist umso bedauerlicher, als Dickinsons Gedichte einen Blick auf die Welt offenbaren, der im 19. Jahrhundert modern, ja, bisweilen kühn gewirkt haben muss. Bei Davies wird sie zur isolierten Gestalt, die aus eigenem Antrieb und durch die Rigidität ihrer hohen Ansprüche verhärmt und verhärtet.

Dabei beginnt "A Quiet Passion" so beschwingt und lustig, dass man sich inmitten einer Oscar Wildeschen Komödie wähnt: Emily, deren Schwester Lavinia, genannt Vinnie, und ihr Bruder Austin necken einander mit Aphorismen, die den Ernst des Lebens in die Wohligkeit einer immerwährenden Gartenparty verwandeln. Der für das 19. Jahrhundert erstaunlich liberal denkende Vater toleriert nicht nur das nächtliche Schreiben Emilys, sondern auch den verbalen Wettstreit, den sich seine Kinder dabei liefern, einer religiösen Tante mit frechen Bemerkungen Paroli zu bieten. Als Emily etwa die Frage der Tante, wie sie die von der Tante verfasste Lyrik denn fände, mit einem doppeldeutigen Kommentar beantwortet, bemerkt die Tante, dies sei aber ein fragwürdiges Kompliment. "Alle Komplimente sind fragwürdig", kontert Emily, "das macht doch im Kern ihren Charme aus." Selbst gegen den Kirchenbesuch rebelliert die hitzköpfige Emily erfolgreich.

A Quiet Passion Emily Dickinsons erster Erfolg im Film ist gleichzeitig ein erster Dämpfer: Eines ihrer Gedichte wird in der Zeitschrift "Springfield Daily Republica" veröffentlicht, aber anonym – die Autorschaft einer Frau publik zu machen, schickt sich aus Sicht des Verlegers nicht. Die spannende Frage, was eine solche Ambivalenz – das Werk an sich ist vorzeigbar, die Identität des Erschaffenden aber aufgrund seines Geschlechts zu verbergen – für die Entwicklung eines noch jungen künstlerischen Selbstbewusstseins bedeutet, erspart der Regisseur leider sich und dem Zuschauer. Stattdessen präsentiert er auf seinem Tableau des immerwährenden amerikanischen Sommers weitere lässig bis nachlässig auftretende Figuren, die durch blühende Gärten lustwandelnd mit ironischen und selbstironischen Kommentaren um sich werfen. Fräulein Buffam, eine Freundin der Familie, ergeht sich in Einwürfen, die zwischen erträglich-witzig und unerträglich-manieriert changieren, während sie nervös den über der Schulter liegenden Sonnenschirm zwischen den behandschuhten Fingern hin- und herdreht.

Freundschaft und Familie stellen die zentralen Werte für Emily dar; die Möglichkeit, wichtige Bezugspersonen beispielsweise durch Heirat derselben zu verlieren, ist eine reale Bedrohung. Wenn die konventionellen Formen des Zusammenseins auch kein Glück verheißen, so scheinen sie doch mit einer gewissen Unausweichlichkeit verbunden: Als Buffam ihre bevorstehende Heirat mit einem Mathematik-Professor verkündet, will Emily wissen, ob sie den Hochzeitsmarsch von Mendelssohn Bartholdy spielen lassen wird. "Man sollte niemals glückliche Musik auf einer Hochzeit spielen", distanziert sich diese, "es ist so irreführend." Freunde also. Familie. Bruder Austin heiratet, die Braut zieht in der Nähe mit dem Bruder ein, und Emily gewinnt eine neue Freundin – ein Coup für die emotional angeblich so Bedürftige.

A Quiet Passion Und ihr Schreiben? Ihr Austausch mit anderen? Ihre zahlreichen Brieffreundschaften? Ihre Lyrik? Die reale Emily Dickinson hat 1.789 Gedichte verfasst. Davon, was und wie zentral ihr das künstlerische Schaffen gewesen ist, vermittelt der in seiner Bildsprache bisweilen so opulente Film leider wenig bis nichts. Die Gedichte kommen fast nur in einem irgendwann penetrant wirkenden Voice-over vor. Die fertigen Gedichte. Nichts vom Schaffensprozess, nichts davon, woher sie ihre Inspiration nahm. Dickinsons Interesse für Politik, die Naturwissenschaften und technische Errungenschaften bleibt bloße Behauptung. Dies stört nicht deswegen, weil der Film etwa den biographischen Fakten Respekt zollen müsste; das muss er keineswegs. Es stört, weil er ein Bild einer Frau konstruiert, das in der Tradition einer höchst konventionellen, gleichzeitig banalen und extrem reduzierten Vorstellung weiblichen Kunstschaffens steht. Einer, der in der Kunst bestenfalls eine Art Nebenprodukt ist. Und weil er diese Tradition fortschreibt.

Der Film kombiniert Charakteristika, die in ihrer Summe ein zweifelhaftes Portrait abgeben, das das Wesentliche von Dickinsons Existenz, nämlich ihr literarisches Schaffen, nahezu konsequent ausblendet. Stattdessen ist Davies' Emily eine lust- und lebensfeindliche alte Jungfer, die ihren Bruder aufs Schärfste maßregelt, als dieser im Begriff ist, einen Seitensprung zu begehen. Sie weist Menschen, die ihr zugewandt sind, harsch ab, zieht sich erbittert zurück und konfrontiert den Zuschauer nun lediglich noch mit ihrer Krankheit: schlimmen Krämpfen, von denen sie infolge eines Nierenleidens geschüttelt wird. Gegen Ende hin wird das Pathos schwer erträglich: Die einsame, verbitterte, missgünstige Kranke, die irgendwann auch mal ein Gedicht geschrieben haben muss, siecht zur elegischen Musik eines Charles Ives dahin. Schade – so viel mehr wäre möglich gewesen. Gerade mit Cynthia Nixon, einer Ausnahmeschauspielerin, die so vielen unterschiedlichen Facetten einer Persönlichkeit Ausdruck verleihen kann.  

Jasmin Drescher / Wertung: * * (2 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Johan Voets, A Quiet Passion Ltd/Hurricane Films 2016

 
Filmdaten 
 
A Quiet Passion (A Quiet Passion) 
 
GB/Belgien 2015
Regie & Drehbuch: Terence Davies;
Darsteller: Cynthia Nixon (Emily Dickinson), Jennifer Ehle (Vinnie Dickinson), Keith Carradine (Mr Dickinson), Emma Bell (Emily Dickinson, jung), Duncan Duff (Austin Dickinson), Jodhi May (Susan Dickinson), Catherine Bailey (Ms Vryling Buffam), Joanna Bacon (Mrs Dickinson), Annette Badland (Tante Elizabeth), Eric Loren (Reverend Wadsworth) u.a.;
Produzenten: Roy Boulter, Sol Papadopoulos; Kamera: Florian Hoffmeister; Schnitt: Pia Di Ciaula;

Länge: 125 Minuten; deutscher Kinostart: unbekannt



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<17.02.2016>


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verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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