05.08.2014
Spionagethriller mit unzureichendem Unterbau

A Most Wanted Man


A Most Wanted Man: Grigoriy Dobrygin, Rachel McAdams Dieser Spionagethriller nach dem 2008 erschienenen Buch "Marionetten" von John Le Carré ist das dritte Regiewerk des talentierten Niederländers Anton Corbijn und handelt von den Schwierigkeiten der Terrorabwehr auf deutschem Boden. Der tragischerweise Anfang 2014 verstorbene Philip Seymour Hoffman hat darin einen seiner letzten Auftritte. Der zeitgerecht zum 11. September erscheinende Film zeigt viel Bildästhetik aber doch weniger als von Corbijn gewohnt, er zeigt den Seiltanz zwischen Vertrauen und Misstrauen und die Sinnlosigkeit des Festhaltens an Menschlichkeit. Trotz hervorragender schauspielerischer Leistung und auch einer dichten Atmosphäre gelingt es dem Film nicht, die nötige bedrohliche Spannung herzustellen.

Issa ist 27, halb Tschetschene und halb Russe. Die Elbe spuckt ihn im Herbst 2012 in Hamburg aus, so dass der vorher in mehreren Gefängnissen Gefolterte triefend nass, dreckig, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, Unterschlupf bei einer nichtsahnenden muslimischen Familie sucht und aus Menschenliebe auch findet. Schon bald gerät Issa ins Visier einer sehr effektiven anonym wirkenden Spionageabwehrgruppe um Günther Bachmann, die von deutschen und internationalen Antiterrorbevollmächtigten jedoch nur geduldet ist. Keiner weiß, welche Ziele Issa verfolgt. Issa selbst auch nicht, und der Zuschauer darf ebenfalls miträtseln. Es beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Bachmanns Gruppe und den verschiedenen Geheimdiensten, die schon mit dem nervösen Finger am Abzug stehen. Nur mit Mühe lassen sich die hektisch-hysterischen Autoritäten zurückhalten, um Bachmann die Chance zu geben, mit Hilfe von Issa größere Fische zu fangen.

A Most Wanted Man: Philip Seymour Hoffman Die eigentliche Hauptgestalt des Films, Günther Bachmann – zwischen Härte und innerer Zerbrechlichkeit dargestellt vom genialen Philip Seymour Hoffman – verkörpert einen "einsamen Wolf", eine Vaterfigur, die in einem unerbittlich harten Milieu dennoch mit Menschlichkeit agiert, der Issa selbst, aber auch seine naive Rechtsanwältin und Flüchtlingsunterstützerin Annabel trotz brutal erscheinender Behandlung vor dem Untergang retten will, der freundschaftliches Vertrauen zu seinen Informanten aufbaut, ohne dabei seine größeren Ziele aus dem Auge zu verlieren. Die Schwere seiner psychischen Last wird im Film spürbar. Das ist die stärkste Botschaft des Films.

Dennoch gelingt es nicht, richtig Spannung aufzubauen. Das könnte einerseits daran liegen, dass der Film zwei Jahre vor der Veröffentlichung gedreht wurde und dadurch die Terrorbedrohung durch Schläfer, gerade in Hamburg, sowie die hektische Terrorabwehr nicht mehr vordergründig im Kollektivbewusstsein präsent ist. Abhilfe hätten da Dokumentarbilder oder Hinweise auf die Atta-Gruppe geholfen, um das Gefühl der Bedrohlichkeit wieder in Erinnerung zu bringen. Andererseits sind die Figuren nicht in die Tiefe ausgearbeitet und werden nur aus der Ferne betrachtet.

A Most Wanted Man: Herbert Grönemeyer, Nina Hoss, Philip Seymour Hoffman Die Figur Bachmann hat treffenderweise sowohl Kaltschnäuzigkeit als auch humanistische Züge, aber die wichtige Idee, dass er aus Menschlichkeit immer wieder den Falschen vertraut, kommt zu spät und nicht stark genug zur Geltung. Nebencharaktere, gespielt von hervorragenden Schauspielern wie Rachel McAdams, Willem Dafoe, Daniel Brühl und Nina Hoss können sich wegen der eingeschränkten Kurzauftritte nicht entfalten, man traut der US-Geheimdienstlerin, gespielt von der auf hart frisierten aber dennoch zarten Robin Wright nicht den eiskalten Engel zu. Der geschundene Issa, dargestellt von Grigoriy Dobrygin, ist den ganzen Film lang nur betroffen – man erfährt bis zum Ende nichts von seiner wirklichen Motivation. Warum er Gefängnisinsasse war, ob es Hinweise gibt, oder er nur aus Hysterie als Terrorist eingestuft wird. Der Regisseur vertraute der durch die Ästhetik der Bilder, der unwirtlichen Schauplätze, des schauspielerischen Könnens und der Musik (von Herbert Grönemeyer, der auch einen Gastauftritt hat) erzeugten Atmosphäre mehr als dem intellektuellen und psychologischen Unterbau des Films.

Der Dialog ist – wie in Corbijns früheren Werken – erfreulicherweise aufs Nötigste begrenzt. Man erkennt die Handschrift des Regisseurs und seine "Zutaten" – die Vermischung von Gut und Böse und der daraus resultierende innere Kampf des Menschen. In "The American" ging diese Rechnung auf, weil das filmische Auge näher an die Charaktere herankommt, die Gegenkräfte besser ausbalanciert sind. Im sehenswerten melancholischen "A Most Wanted Man" wird zwar emotionale Verlorenheit und vergebliche Hoffnung gut erzeugt, aber nicht mehr als das.  

Hilde Ottschofski / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Senator

 
Filmdaten 
 
A Most Wanted Man (A Most Wanted Man) 
 
GB / Deutschland 2014
Regie: Anton Corbijn;
Darsteller: Grigoriy Dobrygin (Issa Karpov), Philip Seymour Hoffman (Günther Bachmann), Homayoun Ershadi (Abdullah), Mehdi Dehbi (Jamal), Neil Malik Abdullah (Abdullahs Bodyguard), Nina Hoss (Irna Frey), Daniel Brühl (Maximilian), Vicky Krieps (Niki), Kostja Ullmann (Rasheed), Franz Hartwig (Karl), Martin Wuttke (der Admiral), Rainer Bock (Dieter Mohr), Herbert Grönemeyer (Michael Axelrod), Robin Wright (Martha Sullivan), Rachel McAdams (Annabel Richter), Willem Dafoe (Tommy Brue), Ursina Lardi (Mitzi) u.a.;
Drehbuch: Andrew Bovell nach dem Roman "Marionetten" von John le Carré; Produzenten: Andrea Calderwood, Simon Cornwell, Stephen Cornwell, Gail Egan, Malte Grunert; Kamera: Benoît Delhomme; Musik: Herbert Grönemeyer; Schnitt: Claire Simpson;

Länge: 121,43 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; ein Film im Verleih der Senator Film Verleih GmbH; deutscher Kinostart: 11. September 2014



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Zitat

"Du bist kein Star, solange sie Deinen Namen in Wladiwostok nicht richtig schreiben können."

("You're not a star till they can spell your name in Vladivostok.")

Schauspieler Roger Moore (14.10.1927 - 23.05.2017)

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