22.03.2015

A Girl Walks Home Alone at Night


Noir-Vampire-Western klingt nicht unbedingt nach einem künstlerisch herausragenden Film. Doch nichts anderes ist Ana Lily Amirpours atmosphärische Horrorfabel. Das Spielfilmdebüt der iranischen Filmemacherin ist ein Meisterwerk der Stimmung und Suggestion. In elegischen Schwarz-Weiß-Bildern entfaltet sich ein düsteres Märchen von Verlorenheit, Verfall und der Sehnsucht nach menschlicher Wärme.

A Girl Walks Home Alone at Night Zuneigung scheint abwesend in dem trostlosen Handlungsort, der dem kümmerlichen Abklatsch einer US-amerikanischen Arbeiterstadt nach der Wirtschaftskrise gleicht. "Teherangeles" nannte die Regisseurin und Drehbuchautorin diesen Ort in einem Gespräch, "Bad City" nennen ihn die Charaktere. Es sind modernisierte Archetypen, die durch das Nichts driften: der junge Arash (Arash Marandi), sein heroinabhängiger Vater Hossein (Marshall Manesh), der sadistische Dealer Saeed (Dominic Rains), dem Hossein Geld schuldet, die verlebte Prostituierte Atti (Mozhan Marno), und ein Straßenjunge (Milad Eghbali). Und da ist die Titelfigur (Sheila Vand). Auf einem Skateboard gleitet die junge Frau durch die Nacht als würde sie fliegen, ihre dunkle Kopfbedeckung weht um ihre Schultern wie ein Cape. Amirpour spielt mit den Tropen der Genres, zwischen denen ihre poetische Parabel mäandert, und stilisiert sie zugleich. Die Protagonisten begegnen einander wie in einem Italo-Western in staubigen Straßen zu Duellen, die stets mit dem Tod enden, mal einem physischen, mal einem symbolischen. Zwischen Baracken und schäbigen Fabrikhallen öffnen sich Straßenschluchten wie aus den Filmen der Schwarzen Serie, durchstreift von der einsamen Hure und Arashs Oldtimer. Der Wagen, für den er jahrelang gearbeitet hat, ist zugleich Relikt und Emblem der ambivalenten Wahrnehmung der westlichen Kultur.

A Girl Walks Home Alone at Night Auf der einen Seite vermitteln der Synthie-Pop, den Arash und seine Nachtbekannte hören, Filmen, die sie zitieren und den Poster-Gesichtern von David Bowie, Madonna und Michael Jackson, die sie von den Wänden beobachten, Freiheit. Auf der anderen Seite kommt der Niedergang durch die allgegenwärtigen Drogen und das aggressive Posing Saeeds, der damit dealt. Der Profit, den er aus dem allen gemeinsamen Wunsch nach einer Flucht vor der äußeren und inneren Leere schlägt, ist ein verkappter Vampirismus. Gleiches gilt für Hosseins Schmarotzertum, die zahlunwilligen Kunden, die Attis sexuelle Dienste beanspruchen, und das aufdringliche Betteln des Straßenjungen. Für jene, die diese psychologischen Sinnbilder nicht lesen wollen, schreibt Amirpour sie unübersehbar an den Horizont. Dort stehen die monströsen Silhouetten von Förderanlagen, die unermüdlich Öl aus dem Boden pumpen. Die Landschaft wird ausgeblutet wie ihre Bewohner, die den Zweck hinter ihrem Handeln längst vergessen haben oder nie wirklich gekannt. Gegenüber jener erdrückenden Gleichgültigkeit wirkt der Blutdurst der Heldin auf bizarre Weise sinnhaft, wenn nicht gar sinnstiftend. Ihre mörderischen Instinkte weckt nur moralische Verworfenheit, von der Bad City mehr als genug beherbergt.

Die animalische Persönlichkeitsfacette macht das mädchenhafte Ungeheuer menschlicher als die Menschen, die die wahre Natur der nächtlichen Jägerin nicht erkennen – oder erst dann, wenn es zu spät ist. Seelenverwandte des Mädchens ist die Katze, die Arash zu Beginn begegnet und bis zum Ende durch die Handlung schleicht. Die Katze kauert schließlich im Oldtimer zwischen ihm und dem Mädchen, und verkörpert deren Unabhängigkeit in einer Welt voll Süchtiger nach Drogen, Sex und Selbstbestätigung. Es ist ein schwacher Hoffnungsschimmer, der die endlose Nacht nicht erhellen kann. Doch manche Kreaturen sind ohnehin nicht geschaffen für das Licht des Tages.  

Lida Bach / Wertung: * * * * * (5 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Capelight

 
Filmdaten 
 
A Girl Walks Home Alone at Night (A Girl Walks Home Alone at Night) 
 
USA 2014
Regie & Drehbuch: Ana Lily Amirpour;
Darsteller: Sheila Vand (das Mädchen), Arash Marandi (Arash), Marshall Manesh (Hossein), Mozhan Marnò (Atti), Dominic Rains (Saeed), Rome Shadanloo (Shaydah) u.a.;
Produzenten: Ana Lily Amirpour, Justin Begnaud, Sina Sayyah; Kamera: Lyle Vincent; Schnitt: Alex O'Flinn;

Länge: 100,18 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Capelight / Koch Media / Central; deutscher Kinostart: 23. April 2015



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Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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