10.05.2019

90 Minuten
– Das Berlin Projekt

Während der Berliner Premiere seines neuen Films "90 Seconds" hetzt der Schauspieler Sebastian (Blerim Destani) durch die Hauptstadt, um den Sektenführer Guru (Udo Kier) zu töten, den er für den Selbstmord seiner Freundin Hannah (Nicolette Krebitz) verantwortlich macht. Eineinhalb Stunden bleiben Sebastian, um seinen Plan in die Tat umzusetzen und pünktlich zum Abspann wieder im Kinosaal zu sein.

Der Clou an dem unglücklich betitelten Thrillerdrama "90 Minuten – Das Berlin Projekt" ist ganz fraglos seine Machart. Der mazedonische Regisseur Ivo Trajkov unternimmt gemeinsam mit seinem Kameramann Suki Medencevic den ambitionierten Versuch, die titelgebenden 90 Minuten in Echtzeit zu erzählen und inszeniert die Geschichte als rasante Plansequenz, die über die gesamte Laufzeit ohne einen sichtbaren Schnitt auskommt. Die von Suki Medencevic versiert geführte Handkamera bleibt immer dicht beim Protagonisten, der sich vom Zoopalast aus durch die Berliner Stadtlandschaft bewegt und dabei unter stetigem Zeitdruck steht. Über eine Story im eigentlichen Sinne verfügt "90 Minuten – Das Berlin Projekt" indes nicht wirklich – der Thriller ist vielmehr Bewegungskino in Reinform, das fast ohne Dialoge auskommt und das Geschehen über die Bilder vermittelt.

Als tragend für das Gelingen des Films erweisen sich die schiere physische Präsenz des Hauptdarstellers Blerim Destani und die agile Kamera, die in sorgfältig arrangierten Einstellungen hinter ihm her taumelt. Eine ganze Weile lang funktioniert die One-Shot-Prämisse ganz hervorragend und erzwingt regelrecht die unmittelbare Teilhabe des Publikums am Geschehen, doch gegen Ende verliert die zunehmend von surrealen Einschüben flankierte Hetzjagd etwas an Schwung. Nichtsdestotrotz ist Regisseur und Autor Ivo Trajkov ein visuell spannender und über weite Strecken sehr unterhaltsamer Thriller gelungen, der sich auf die Essenz des Actionkinos besinnt und mit rein filmischen Mitteln einen fesselnden Sog erzeugt.



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn / Wertung: * * * * (4 von 5)



Filmdaten

90 Minuten - Das Berlin Projekt


Deutschland 2011
Regie: Ivo Trajkov;
Darsteller: Blerim Destani (Sebastian), Richard Sammel (Alexander), Udo Kier (Guru), Nicolette Krebitz (Hannah), Werner Daehn (Ralf), Harald Schrott, Sophia Thomalla, Julia Dietze, Pit Bukowski, Tino Mewes, Waléra Kanischtscheff, Burak Yigit, Natascha Bonnermann, Marita Hueber, Oli Bigalke, Verona Pooth u.a.;
Drehbuch: Ivo Trajkov, Ivan Marinovic; Produzenten: Blerim Destani, Christoph Heckenbücker, Alain Midzic; Kamera: Suki Medencevic; Musik: Birger Clausen; Schnitt: Michal Reich, Ivo Trajkov;

Länge: 90 Minuten; deutscher Kinostart: 9. November 2011



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"Ich hasse Fernsehen. Ich hasse es wie Erdnüsse. Aber ich kann nicht aufhören, Erdnüsse zu essen."

("I hate television. I hate it as much as peanuts. But I can't stop eating peanuts.")

Regisseur und Schauspieler Orson Welles (1915 - 1985)

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