01.10.2012
Wohlmeinende wie warmherzige Komödie aus Südamerika

3 / Tres


3 / Tres: Filmplakat Der kurze wie bündige Titel – 3 / Tres – der Familienkomödie des uruguayanischen Regisseurs Pablo Stoll Ward kündigt die Fokussierung und die Begrenzung des Themas schon an. Und in der Tat: Der Film ist nicht mehr und nicht weniger die Geschichte einer Familie, genauer einer Kleinfamilie aus der Mittelschicht, im südamerikanischen Montevideo. Eine Familie, die aber gewissermaßen nebeneinander und eher lose zusammenlebt. Dies sei gleich vorab gesagt: Der Filmemacher holt keineswegs die psychologische Vergrößerungslupe heraus, worunter er seine Protagonisten, und ihre jeweiligen Beziehungsgeflechte Stück für Stück analysiert. Ebenso wenig entwirft er ein reichhaltiges Tableau an Abhängigkeiten, Verworfenheiten und Enttäuschungen. Der Familien- wie Seelengrund der Protagonisten und deren exakte Ausleuchtung interessieren hier nicht.

Stoll Ward erzählt in einfachen, unaufgeladenen wie undramatischen Bildern von einem slice of life. Seine Charaktere, die drei Familienmitglieder, auf die der Film vollends zugeschnitten ist, tragen alle ihr Päckchen, sind täglich mit den enervierenden Alltäglichkeiten konfrontiert, und können dem Leben und seinen Anforderungen nicht immer gerecht werden. Und noch weniger können sie ihre Ängste wie Erfahrungen, aber auch ihre Freuden kommunizieren, weder untereinander noch mit anderen.

3 / Tres: Humberto de Vargas Vater Rodolfo, Zahnarzt, Pflanzenliebhaber, und von einem peniblen Ordnungswahn beinahe fremdbestimmt, lebt von der Familie getrennt, will sich aber Mutter und Tochter wieder nähern. Der Schauspieler Humberto de Vargas, der in seiner Optik eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem amerikanischem Regisseur Francis Ford Coppola aufweist, spielt Rodolfo. Dessen Familie lebt zusammen, aber irgendwie auch nicht. Graciela (Sara Bessio) ist eine Frau, die auf großer Distanz zu all ihren Mitmenschen zu sein scheint, und erst auftaut, als sie sich neu verliebt. Tochter Ana (Anaclara Ferreyra Palfy) ist in der Pubertät, und schert sich wenig bis gar nicht um ihre Schule, ihren Sport und auch ihre Mitmenschen. Erster Sex, das Spiel mit dem anderen Geschlecht, und die typische "Leckt mich am Arsch"-Attitüde einer langsam erwachsen werdenden Jugendlichen, charakterisieren Ana.

In häufigen Plansequenzen erzählt der Filmemacher von den drei Figuren, dem Leben und seinen Unzulänglichkeiten. Viele Szenen spielen in Innenräumen, und die Umwelt, so wie die Stadt Montevideo, spielen kaum eine Rolle. Der Fokus wird so noch einmal mehr allein auf die Personen gelegt, deren räumliche Begrenztheit auch ihr Wesen nicht unberührt lässt. Alle drei sind in ihrem Wahrnehmungshorizont primär auf ihre unmittelbare Umgebung beschränkt. Die spärliche Lichtsetzung, die auf ein Minimum reduziert ist, und die entsättigten Farben lassen einen bisweilen kühlen Realismus entstehen, der den komödienhaften Elementen dennoch keinen Abbruch tut.

3 / Tres Die spezielle Handschrift Stoll Wards lässt sich an zwei filmischen Mitteln ablesen: Erstens spielt er mit der Erwartungshaltung seiner Zuschauer, die er dann bewusst enttäuscht. Die schwerkranke, schon hochbetagte Tante von Graciela tritt niemals in Erscheinung, obwohl Graciela sie tagtäglich im Krankenhaus besucht. Graciela ist wiederum nur im Wartezimmer zu sehen, wo sie ihre neue Liebe kennenlernen wird. Dieses Spiel mit der Abstinenz einer Figur im Bild, die aber durchweg ins Geschehen involviert ist, kulminiert, wenn Graciela ihre Tante, die sterben wird, zu sich nach Hause nimmt. Lediglich ihr schweres arhythmisches Atmen, ihr Röcheln – beides kündigt den unvermeidlichen Tod an – ist zu hören, sie ist aber keineswegs zu sehen. Ihre Gegenwärtigkeit ist allein auf die auditive Ebene beschränkt. Die Tonebene agiert hier sozusagen völlig autonom, ohne Unterstützung des Bildes. Die Figur, der Tante wie deren Befinden wird ganz ausschließlich über den Ton entwickelt.

Und der Ton, der Einsatz von Musik wie Geräuschen ist das zweite, markante Stilmerkmal des Regisseurs. Viel diegetische wie non-diegetische Musik, die zuweilen auch die aktuellen Gefühlslagen der Familienmitglieder widerspiegelt, ist einzelnen Einstellungen beigefügt, und stellenweise des Guten zu viel, weil der Mehrwert auf der Strecke bleibt. An anderer Stelle wird ein schwer zu definierendes, metallen anmutendes Geräusch eingespielt, dessen Einsatz das Bild konterkariert, während an wieder anderer Stelle das Streichen eines Toasts unüberhörbar herausdestilliert ist. Stoll Wards Neigung zum akustischen Detail in einzelnen Szenen sind nicht immer als Kommentar zur Handlung einzuordnen, und stehen deshalb etwas abseits.

3 / Tres ist alles in allem eine anrührende, wiewohl kurzweilige, leichtfüßige Komödie, die ohne großen inhaltlichen, dramaturgischen wie ästhetischen Aufwand und ohne familienpsychologischen Erkenntnisdrang eine nicht ganz intakte Familie präsentiert.  

Sven Weidner / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Pandora Filmproduktion

 
Filmdaten 
 
3 / Tres (3) 
 
Uruguay / Argentinien / Deutschland / Chile 2012
Regie: Pablo Stoll Ward;
Darsteller: Humberto de Vargas, Sara Bessio, Anaclara Ferreyra Palfy, Néstor Guzzini, Matías Ganz, Carolina Centurión, Inés Bortagaray u.a.;
Drehbuch: Gonzalo Delgado Galiana, Pablo Stoll Ward; Produktion: ControlZ Films (Uruguay) in Koproduktion mit Pandora Film (Deutschland) and Rizoma Film (Argentinien), Kiné (Chile) unter Mitwirkung von ZDF/ARTE; Produzenten: Fernando Epstein, Agustina Chiarino; Koproduzenten: Christoph Friedel, Hernan Musaluppi, Natacha Cervi, Florencia Larrea; Kamera: Barbara Alvarez; Musik: Reverb / Sebastián Del Muro Eiras; Schnitt: Fernando Epstein, Pablo Stoll Ward;

Länge: 121,15 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih von Real Fiction Filmverleih; deutscher Kinostart: 22. November 2012



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verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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