11.03.2013
Tage und Stunden

3096 Tage


3096 Tage: Antonia Campbell-Hughes, Thure Lindhardt Weiß. Alles beginnt mit Bildern von gleißendem Weiß. Aus jener blendenden, endlosen Leere lösen sich sachte die Umrisse einer Schneelandschaft und aus ihr die Gestalt einer jungen Skifahrerin. "Es war klar: Nur einer von uns würde überleben", resümiert sie nüchtern vor der eisigen Nicht-Farbe, aus der sie auftaucht und in der sie wieder versinkt. Weiß ist in vielen Kulturen die Farbe des Todes, nicht jedoch im Österreich um die Jahrtausendwende. Dort spielt die Geschichte, die zwei ist: eine wahre und eine fiktive. Beide verschmelzen in Sherry Hormanns distanzierter Verfilmung des Falls Natascha Kampusch zur psychologisch verkürzten Chronik der titelgebenden "3096 Tage". Sie konzentrieren sich gleich einem Psychothriller allein auf die vielzitierte rhetorische Frage, die der Anfangsmonolog beantwortet: Wer wird überleben?

"Am Ende war ich es. Nicht er", berichtet zu Beginn die Protagonistin (Antonia Campbell-Hughes) vor der Kulisse eines Wintersportorts. Die landschaftliche Weite der Anfangsszene steht in radikalem Kontrast zu der architektonischen Enge, in die das Drehbuch die Handlung sperrt. Keine sechs Quadratmeter misst das Kellerverlies, das Natascha Kampusch (Amelia Pidgeon) mit Kinderfüßen abschreitet, nachdem sie wieder zu sich kommt. Die Bewusstlosigkeit ist Folge eines Schlags von Wolfgang Prikopil (Thure Lindhardt), der acht Jahre lang Kerkermeister und einziger Kontakt für sie sein wird. "Ich bin deine Familie", gebietet der arbeitslose Elektrotechniker, der unter dem unscheinbaren Reihenhaus seiner Mutter (Dearbhla Molloy) einen schalldichten Raum zum Gefängnisverschlag ausgebaut hat. "Ich bin dein Vater, deine Mutter, deine Oma. Ich bin alles für dich." Tatsächlich verhält sich die Situation umgekehrt. Natascha ist alles für den verklemmten Einzelgänger, der auf emotionaler Ebene unendlich eingeschränkter ist als Natascha.

3096 Tage: Antonia Campbell-Hughes Sie erst gibt durch die aufgezwungene Abhängigkeit seinem bedeutungslosen Dasein einen Inhalt. Während er der zwanghaften Strukturierung und Ritualisierung seines Alltags unterliegt, steht sie unter seiner Gewalt und Kontrolle. Peinlich sauber und abstoßend-adrett eingerichtet, spiegelt das akkurate Grundstück in einer Gartenkolonie Prikopils kranken Behaglichkeitsdrang. Jeder müsse irgendwann mal jemanden haben, sagt die Mutter, unter deren dominierender Fürsorge er lebt. Wie dicht sie damit an der Realität liegt, die, was Fernsehnachrichten vom Verschwinden des kleinen Mädchens befürchten lassen, an Grauen überschreitet, ahnt sie nicht. Prikopil hat Natascha. Mehr noch, er hat sie "erschaffen", glaubt er. Das Irrige seiner Überzeugung betont er unfreiwillig selbst durch physisches Malträtieren, das seine Machtposition festigen soll. Durch Rasur, Nahrungsentzug und Bekleidungsvorschriften kann er Nataschas Äußeres verformen. Ihr Inneres? Was dort während der "3096 Tage" gepflanzt oder abgetötet worden sein mag, bleibt in der die Zuschauerkonfrontation mit Stockholm-Syndrom, affektivem Selbstschutz und Eltern-Kind-Entfremdung sorgsam umschiffenden Verfilmung unklar.

Nach Gesprächen über das Filmprojekt habe sie einen Entschluss gefasst, berichtet Hormann: "Ich will nicht in diesen Abgrund steigen." Das ist sie auch nicht, obwohl Sadismus und Missbrauch enthüllende Szenen dies vorgaukeln. Andere taten es für die Regisseurin. Einmal die physische und psychische Grenzen überschreitenden Darsteller und Michael Ballhaus, der ein klaustrophobisches Schreckbild spießbürgerlicher Perversion erschafft. Vor allem jedoch die reale Natascha Kampusch, auf deren Interviews und Berichte sich die Handlung stützt. Vollendet von Ruth Toma, war Bernd Eichingers Drehbuch nach seinem Tod 2011 ein Fragment und bleibt es als seltsam kaltlassendes Kammerspiel, dessen Erfolg höchstens darin liegt, Achtung der realen Überlebenden der "3096 Tage" zu zeigen.  

Lida Bach / Wertung: * * (2 von 5) 
 

 
Filmdaten 
 
3096 Tage  
 
Deutschland 2012
Regie: Sherry Hormann;
Darsteller: Antonia Campbell-Hughes (Natascha Kampusch im Alter von 14 bis 18 Jahren), Thure Lindhardt (Wolfgang Priklopil), Amelia Pidgeon (Natascha Kampusch, 10 Jahre), Dearbhla Molloy (Priklopils Mutter), Trine Dyrholm (Brigitta Sirny, Natascha Kampuschs Mutter) u.a.;
Drehbuch: Ruth Toma basierend auf dem unvollendeten Drehbuch von Bernd Eichinger; Produzent: Martin Moszkowicz; Produktion: Constantin Film Produktion GmbH in Koproduktion mit ARD Degeto (Bettine Reitz, Claudius Luzius), Bayerischer Rundfunk (Cornelius Conrad) und Norddeutscher Rundfunk (Thomas Schreiber); Kamera: Michael Ballhaus; Musik: Martin Todsharow; Schnitt: Mona Bräuer;

Länge: 109,27 Minuten; FSK: ab 16 Jahren; ein Film im Verleih der Constantin Film Verleih GmbH; deutscher Kinostart: 28. Februar 2013



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Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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