14.02.2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Wettbewerb

24 Wochen


Es sei nur Schicksal, sagt ein Kinderchirurg, mit dem Astrid (Julia Jentsch) spricht. Die starke Hauptfigur von Anne Zohra Berracheds nuanciertem Drama wird später ihrer kleinen Tochter Nele (Emilia Pieske) sagen: "Manchmal macht die Natur solche Sachen." Eine solche Sache ist das Leid, das bevorsteht, wenn Astrid ihr Baby austrägt: ihr selbst, ihrer Familie, vor allem aber dem schwerst behinderten Kind. Es sei denn, sie entschließt sich anders.

24 WochenMit der schmerzlichen Entscheidungsfindung befasst sich die Regisseurin in ihrem ebenso einfühlsamen wie informiertem Porträt. Dessen Zentrum ist die beeindruckende Julia Jentsch, die von Überschwang bis Verzweiflung alle Emotionen meistert. Ihre Figur ist weit entfernt von den Stereotypen um Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch in Betracht ziehen. Die Kabarettistin Astrid steht beruflich und privat fest im Leben. Sie ist das Gegenteil all der fiktionalen psychisch und sozial labilen Frauenfiguren, die abtreiben, weil sie liebesunfähig und lebensuntauglich sind. Das Kind von "24 Wochen" ist ein Wunschkind für alle, ihren Mann Markus (Bjarne Mädel), die junge Oma (Johanna Gastdorf) und sogar für Nele. In einer frühen Szene macht Astrid auf der Bühne einen Witz, aus dem, was werdende Eltern oft sagen: Hauptsache es ist gesund! Aber es ist nicht gesund. Eine ärztliche Routineuntersuchung reißt das Paar aus der Vorfreude. Down-Syndrom. Manche Fälle seien ganz leicht, erklärt die Ärztin. Damit steht unweigerlich das Unausgesprochene im Raum: Manche Fälle sind sehr schwer. Doch es gibt einen Ausweg für die Mutter und das Kind, das nie gesund sein, nie ohne Betreuung oder Einschränkungen leben können wird.

24 Wochen Deutschland erlaubt in Fällen einer schweren Behinderung Abtreibung bis zur 26. Woche. Die Möglichkeit scheint den Charakteren zuerst undenkbar. Pläne wurden gemacht, das Kind im Bekanntenkreis freudig angekündigt und Astrid ist mit Babybauch aufgetreten. Wie viele Eltern glaubt das Paar, sie würden im Sinne des Ungeborenen entscheiden und handeln tatsächlich in eigenem Interesse. Immerhin haben sie Geld und die notwendige Unterstützung, um ein schwerbehindertes Kind zu versorgen. Alles andere erschiene wie ein Eingeständnis mangelnder Kompetenz - nachdem die Down-Diagnose für Astrids Baby in einer Radioshow heraus posaunt wurde, ein öffentliches Eingeständnis. Doch als eine weitere Untersuchung noch schlimmeres ans Licht bringt, kommen Astrid Zweifel. Markus macht ihr schließlich die üblichen Vorwürfe: Sie denke nur an ihre Karriere, eine Abtreibung sei unchristlich. Die Protagonistin hingegen stellt die Fragen, die er ausblendet. Wird das Kind selbst essen können? Auf die Toilette gehen? Wird es ständig Schmerzen haben? Nicht die Eltern werden so leben müssen, das Kind muss es. Der auf umfassende Recherche und Interviews mit Betroffenen basierende Film und die Regisseurin nehmen nur indirekt Stellung zu der Problematik, die medizinischer Fortschritt mit sich bringt.

Man kann einen Menschen entgegen aller natürlichen Voraussetzungen fast unbegrenzt am Leben erhalten. Aber tut man damit dem Leidenden einen Gefallen oder eher sich selbst? Astrid trifft ihre Entscheidung. Die, die 90 Prozent aller Frauen in ihrer Situation treffen. Das beste Schlusswort dazu gibt eine Hebamme (Yvonne Mantwill): "Da darf keiner drüber urteilen."  

Lida Bach / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Friede Clausz

 
Filmdaten 
 
24 Wochen  
 
Deutschland 2016
Regie: Anne Zohra Berrached;
Darsteller: Julia Jentsch (Astrid), Bjarne Mädel (Markus), Johanna Gastdorf (Beate), Emilia Pieske (Nele), Maria Dragus (Kati) u.a.;
Drehbuch: Carl Gerber, Anne Zohra Berrached; Produzenten: Melanie Berke, Tobias Büchner, Thomas Kufus; Kamera: Friede Clausz; Musik: Jasmin Reuter; Schnitt: Denys Darahan;

Länge: 101,59 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; deutscher Kinostart: 22. September 2016



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Der Film im Katalog der Berlinale
<14.02.2016>


Zitat

"Filme Deine Morde wie Liebesszenen, und filme Deine Liebesszenen wie Morde."

("Film your murders like love scenes, and film your love scenes like murders.")

Regisseur Alfred Hitchcock

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