31.01.2018
Kommunizieren mit verschlossener Tür

1000 Arten Regen zu beschreiben


1000 Arten Regen zu beschreiben: Bibiana Beglau Eine Familie feiert Geburtstag. Es ist der 18. von Mike. Der Schein trügt. Nichts ist in Ordnung. Mike hat sich, freundlich formuliert, zurückgezogen. Das Kinopublikum wird ihn im Film ein einziges Mal zu sehen bekommen, und zwar als verwaschene Erinnerung. Aber dem Publikum geht es nicht alleine so. Die Familie sieht ihn auch nicht, Mike hat sich in seinem Zimmer eingeschlossen. Vor Wochen. Mutter Susanne (Bibiana Beglau), Vater Thomas (Bjarne Mädel) und Schwester Miriam (Emma Bading) stehen hilflos vor verschlossener Tür. Die Geburtstagsfeier war ein verzweifelter Versuch der Drei, das vierte Familienmitglied herauszulocken. Bald weiß der Zuschauer: Diese Familie ist nicht mehr intakt. Mike protestiert, ohne dass es gesagt wird, gegen das Dysfunktionale seines Elternhauses und kommuniziert nur noch mit Zetteln unter der Tür. Kryptische Nachrichten sind es.
Die Redewendung "Du siehst ja aus wie 100 Tage Regenwetter" spielte sicher eine Rolle bei der Wahl von Filmtitel und -handlung.

Beim 39. Filmfestival Max Ophüls Preis 2018 in Saarbrücken feierte "1000 Arten Regen zu beschreiben" seine deutsche Erstaufführung. Der Katalog zum Festival klärt auf: In Japan gibt es eigens einen Begriff für die Weltflüchtigen, meist sind es Jugendliche: Hikikomori. Von einem, der sich zurückzog ohne jede weitere Erklärung, erzählt der Film. Aber eher am Rande, denn das Augenmerk von Regisseurin Isa Prahls Langfilmdebüt gilt der restlichen Familie und ihrem weiteren Leben, das geprägt ist von Mikes Handeln. Die drei Außenstehenden verhalten sich unterschiedlich: In Wut haut der Vater auf die Tür ein, während die Mutter in Hoffnung auf die Wiederkehr des Sohnes schon mal das vor der Tür abgestellte Urin entfernt. Die Tochter leidet heimlich – aber am meisten. Wie nach einem Trauerfall gibt es Besuche, aber nicht etwa am Grabstein, sondern kommuniziert wird mit verschlossener Tür, was für die fehlgehende soziale Kontaktfähigkeit steht; wie nach einem Trauerfall geht das Leben weiter, auch fern der Tür: Der Vater kümmert sich um Behinderte – mehr um sie als um die eigene Familie, merkt der Zuschauer. Die Mutter schließt Freundschaft mit dem früher besten Freund des Sohnes, Oliver (Louis Hofmann), was im Hormonrausch dazu führt, dass der sich in Susanne verliebt.

1000 Arten Regen zu beschreiben: Emma Bading Es ist ein Film der vielen ausgefeilten Details: Mikes Mutter Susanne schenkt Oliver einen Pullover, der Mike gehört hat. Den Pullover wollte sie an Tochter Miriam nicht abgeben. Vater Thomas kämpft für ein besseres Leben Behinderter. Einer von ihnen wird mit dem von Thomas bereitgestellten Sprachcomputer mitteilen: "Gehen – Sie – nach – Hause!" Denn der Mann merkt das Missverhältnis zwischen Beruf und Privatleben bei Bjarne Mädels Figur. Tochter Miriam hält mal die Finger zu einer Pistole geformt auf eine intakte Familie, die sie zufällig sieht. Isa Prahl lässt den Film häufig auf zubetonierten Flächen wie Parkplätzen spielen, Grautöne dominieren.

Aber es funktioniert im Film nicht alles: Die Handlung hat Leerläufe und ist dann auf Fernsehserien-Niveau, Schauspieler Bjarne Mädel nimmt man nicht ab, dass er einer dysfunktionalen Familie vorsteht, wie auch deren Misere nicht genügend kommuniziert wird: Der Zuschauer kennt unter Umständen Familien, bei denen es viel schlimmer zugeht, soll aber zur Kenntnis nehmen, die dargestellte Familie sei darin das Nonplusultra. Der Film kommuniziert manches nicht, was er tun müsste, da ist Mike weiter: Seine unter der Tür durchgeschobenen Zettel mit kryptischen Nachrichten – Starkregen hier, Nieselregen da – vermitteln am ehesten die vom Film gewünschte Sprachlosigkeit.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Made in Germany Filmproduktion

 
Filmdaten 
 
1000 Arten Regen zu beschreiben  
 
Deutschland 2017
Regie: Isa Prahl;
Darsteller: Bjarne Mädel (Vater Thomas), Bibiana Beglau (Mutter Susanne), Emma Bading (Miriam), Louis Hofmann (Oliver), Janina Fautz (Elli) u.a.;
Drehbuch: Karin Kaci; Produzenten: Melanie Andernach; Produktion: Made in Germany Filmproduktion in Koproduktion mit WDR, ARTE; Kamera: Andreas Köhler; Musik: Volker Bertelmann alias Hauschka; Schnitt: Daniel Scheuch;

Länge: 90,50 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Film Kino Text; deutscher Kinostart: 29. März 2018

Ein Wettbewerbsfilm des 39. Filmfestivals Max Ophüls Preis 2018



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Zitat

"Gib mir 100.000 Dollar und ich werde den Film für 100.000 Dollar drehen. Gib mir 10 Millionen Dollar und ich werde den Film für 10 Millionen Dollar drehen. Gib mir 100 Millionen Dollar und ich spende das Geld."

"Give me $100,000 and I will make the film for $100,000. Give me $10m and I will make the film for $10m. Give me $100m and I will spend it."

Regisseur Milos Forman (18.02.1932 - 13.04.2018; "Einer flog über das Kuckucksnest", "Amadeus")

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