Zur vollständigen Darstellung der Seite aktivieren Sie bitte Javascript. Filmrezension: Hannibal
 

Filmfestival
Max Ophüls Preis
2012


von Michael Dlugosch


Festivalplakat Max Ophüls Preis 2012; Quelle des Fotos: max-ophuels-preis.de Sieben Tage lang, von Montag, dem 16. Januar bis Sonntag, dem 22. Januar 2012 war die saarländische Landeshauptstadt wieder Nabel des deutschsprachigen Nachwuchsfilms. Beim 33. Filmfestival Max Ophüls Preis 2012 in Saarbrücken konkurrierten 16 Spielfilme junger Regisseure um den Hauptpreis. In weiteren Reihen bewarben sich mittellange Filme, Kurzfilme und Dokumentarfilme um Auszeichnungen. Insgesamt wurden etwa 160 Produktionen einem interessierten und neugierigen Publikum vorgestellt. Dabei fiel ein neuer Rekord: Rund 42.000 Zuschauer besuchten die Vorführungen, ein Jahr zuvor waren es 39.700. Den wichtigen, mit 18.000 Euro dotierten Max Ophüls Preis erhielt Markus Schleinzers Spielfilm "Michael" – was niemanden groß überraschte. Etwas überraschend dagegen die Entscheidung der Jury, Michael Fuith, der in "Michael" die Titelfigur spielt, als Besten männlichen Nachwuchsdarsteller auszuzeichnen. Mit seinen 34 Jahren gehört Michael Fuith wohl nicht mehr zum schauspielerischen Nachwuchs. Als "Schwerkraft" von Regisseur Maximilian Erlenwein 2010 den Max Ophüls Preis gewann, erhielt Hauptdarsteller Fabian Hinrichs einen Sonderpreis für seine schauspielerische Leistung, aber nicht die Auszeichnung als Bester Nachwuchsdarsteller – er sei dafür zu alt, hieß es. Dabei war Hinrichs damals ein Jahr jünger als Fuith heute. Das soll nicht heißen, dass die Jury 2012 falsch entschieden hätte. Der Hauptdarsteller des österreichischen Films leistet in der Rolle eines Pädophilen Außerordentliches. In der Jurybegründung heißt es: "Michael Fuith verzichtet auf jede übertriebene Geste und gibt seiner Figur damit eine eindrucksvolle und den Zuschauer erschreckende Authentizität." Michael Fuith spielt Michael, der einen zehnjährigen Jungen entführt hat, im Keller versteckt hält und ihn regelmäßig missbraucht. Der Film "Michael", der bereits wenige Tage nach dem Festival in Deutschland in die Kinos kam, polarisiert, weil seine verbrecherische Haupt- und Titelfigur als banaler und biederer Mensch gezeichnet wird.

Michael kümmert sich nicht gerade liebevoll um das entführte Kind. Das würde zu dem jungen und doch alt wirkenden Mann ohne Eigenschaften gar nicht passen. Aber er umsorgt den Jungen, und ist selten streng. Wolfgang (David Rauchenberger) schreibt seinen Eltern Briefe, die das Haus nicht verlassen. Michael lässt keine Spuren zu. Dafür feiert er mit Wolfgang Weihnachten, bringt ihn schon mal in den Streichelzoo. Die Hand des Erwachsenen ist dabei entweder an der Hand des Kindes oder in dessen Nacken. Eine Flucht scheint unmöglich.

David Rauchenberger, Michael Fuith im Film Michael; Quelle des Fotos: max-ophuels-preis.de Es ist perfide und gleichzeitig konsequent, dass der Film wie seine erwachsene Hauptfigur heißt und nicht etwa wie das Kind. Der Alltag des Mannes als Versicherungsvertreter wird akribisch geschildert, wodurch "Michael" beim Zuschauer nachhaltiger wirkt als jeder effektbeladene Horrorfilm. Der Film nimmt den Täter nicht etwa in Schutz, sondern zwingt den Zuschauer zur Auseinandersetzung mit dem Thema Pädophilie. "Michael"-Regisseur Markus Schleinzer ist ein talentierter Quereinsteiger. Der Wiener hat sich zuvor in der Filmbranche als Casting Director und Schauspieler einen Namen gemacht. "Michael" ist sein erster Film überhaupt, nicht einmal einen Kurzfilm drehte er zuvor.

"Michael" wurde im Mai 2011 im Wettbewerb des renommierten Filmfestivals von Cannes gezeigt, erhielt damals aber keine Auszeichnung. Die Hauptjury des Saarbrücker Festivals (bestehend aus den Regisseuren Hans W. Geißendörfer und Vorjahres-Gewinner Johannes Naber, den Schauspielern Anna Thalbach und Dominic Raacke sowie Produzent Franz Novotny) hat die außerordentliche Qualität des Films mit der Verleihung des Hauptpreises gewürdigt.

Edin Hasanovic (Mitte) im Film Schuld sind immer die Anderen; Quelle des Fotos: max-ophuels-preis.de Es gab noch mehrere Filme im Wettbewerb, die eine Auszeichnung verdient gehabt hätten. Leer ging beispielsweise der bemerkenswerte Film "Schuld sind immer die Anderen" von Regisseur Lars-Gunnar Lotz aus. Auch hier stehen ein Täter und sein Opfer im Mittelpunkt. Ben (Edin Hasanovic) hat eine Frau (Julia Brendler) überfallen und aus purer Lust brutal getreten. Die Straftat wird nicht aufgeklärt, Ben kommt wegen anderer Vergehen ins Gefängnis. Man gibt ihm eine Chance: Ben darf im Rahmen eines sozialen Projektes außerhalb der Gefängnismauern seine Strafe absitzen, zusammen mit anderen jugendlichen Straftätern, kontrolliert von Sozialarbeitern. Eine in das Projekt zurückkehrende Betreuerin ist Eva – sein Opfer, das durch die Tritte ein ungeborenes Kind verlor.

Der Zufall, der die beiden wieder zusammenführt, würde normalerweise wie eine schlechte Drehbuchidee wirken. Nicht so in "Schuld sind immer die Anderen". Der Film zeichnet die erneute Begegnung der beiden Protagonisten psychologisch sensibel und überzeugend in der Darstellung der Ereignisse. Lars-Gunnar Lotz hat einen geradlinigen, intelligenten Film gedreht. Lotz und seine Drehbuchautorin Anna Maria Praßler hätten für ihre nüchterne Auseinandersetzung mit Schuld, Reue und Sühne bei der Preisverleihung hervorgehoben werden sollen.

Luisa Sappelt, Devid Striesow im Film Transpapa; Quelle des Fotos: max-ophuels-preis.de Der Filmpreis der saarländischen Ministerpräsidentin, die zweitwichtigste Auszeichnung des Festivals, ging an "Transpapa" von Regisseurin Sarah Judith Mettke, die auch das Drehbuch schrieb. Der Film wurde zu Recht von der Jury gelobt. Es war der Festivalbeitrag mit den ausgefeiltesten Dialogen. Die 15-jährige Maren (Luisa Sappelt) erfährt von ihrer Mutter, dass ihr Vater, der die Familie früh verließ, anderswo in Deutschland als Frau lebt. Damit kommt Maren nicht klar, nicht mal, als sie Sophia (Devid Striesow), wie Bernd jetzt heißt, in Köln besucht.

"Mein Vater ist ein wahnsinnig spannender Mensch. Er ist ein Kämpfer, ein Künstler, ein verantwortungsloses Arschloch, egoistisch, narzisstisch und jetzt eben auch noch eine Frau!" sagt Sarah Judith Mettke, die Erfahrungen aus der eigenen Familie im Film kongenial umgesetzt hat. Den inneren Kampf, den Maren mit sich ausfechtet, hat die Regisseurin selbst erlebt und in "Transpapa" klug wiedergegeben. Grandios, wie Mettke die Schauspieler führt. Devid Striesow verleiht der Rolle des Transsexuellen eine Würde, so dass der Film nie ins Melodramatische abgleitet. Luisa Sappelt steht der Schauspielerleistung Striesows in nichts nach. Man fühlt mit Maren, die langsam lernt, Verständnis für die frühere Entscheidung des Vaters aufzubringen.

Film Festung; Quelle des Fotos: max-ophuels-preis.de Auch in dem Wettbewerbsfilm "Festung" geht es um eine Heranwachsende und ihre Beziehung zum Vater. Der Film, mit dem Preis der Schülerjury ausgezeichnet, hat nicht die Qualitäten von "Transpapa". Dort war der transsexuelle Vater zwar der Tochter fremd, dafür verständnisvoll und herzlich. In "Festung" dagegen handelt es sich bei dem Vater um einen Schlägertypen (Peter Lohmeyer), dem die Mutter (Ursina Lardi) eine zweite Chance gibt, weil er sich gebessert haben will. Es kommt, wie es kommen muss. Regisseurin Kirsi Marie Liimatainen verfilmte das Drehbuch von Nicole Armbruster konventionell, ohne besondere dramaturgische und künstlerische Einfälle. Die Darstellung von Gewalt in der Familie dreht sich im Kreise und erschüttert den Zuschauer höchstens dann, wenn die 13-jährige Hauptfigur Johanna (sehr gut in ihrer Rolle: Elisa Essig) irrational zu handeln beginnt. So bezichtigt sie grundlos den Sportlehrer und Vater ihres Freundes, sie unsittlich angefasst zu haben. Es ist evident, dass der Film zeigen will, wie Johanna angesichts des Leids in der Familie die Selbstbeherrschung und die Kontrolle über ihr Handeln verliert. Aber es funktioniert nicht, die Beschuldigung des Lehrers kommt zu plötzlich und unmotiviert. Das Fehlen von Motiven trifft auch auf den ganzen Film zu.

Stine Fischer Christensen im Film Die Unsichtbare; Quelle des Fotos: max-ophuels-preis.de Die Schauspielschülerin Fine (Stine Fischer Christensen), Titelheldin in Christian Schwochows "Die Unsichtbare", ist introvertiert, zurückhaltend und wird regelmäßig übersehen. Ausgerechnet ihr trägt der Regisseur Kasper Friedmann (Ulrich Noethen), eine Theaterlegende, die Rolle eines extrovertierten Vamps an. Friedmann hat sich dabei etwas gedacht. Er verspricht sich von der Besetzung für die Schauspielerin eine therapeutische Wirkung. Tatsächlich beginnt Fine in der herausfordernden Rolle aufzugehen und aufzublühen. Was folgt, ist schwere Kost für den Zuschauer. Er bekommt die Praxis einer radikalen Schauspielkunst zu sehen. "Die Unsichtbare" vermittelt einen interessanten Blick hinter die Kulissen der Theaterbühne und ein sehenswertes Ensemble (u.a. Anna Maria Mühe, Dagmar Manzel, Gudrun Landgrebe, Ulrich Matthes). Eine lobende Erwähnung der Jury gab es für den Film, mit dem Schwochow nach "Novemberkind" 2008 bereits zum zweiten Mal beim Max Ophüls Preis erfolgreich antrat.

Stephanie Capetanides, Tobi B, Matthias Scheuring im Film Puppe, Icke & der Dicke; Quelle des Fotos: max-ophuels-preis.de Auch das Publikum verlieh einen Preis. Am Ende einer jeden Wettbewerbsvorführung konnten die Zuschauer ihr Votum per Stimmzettel abgeben. Die Abstimmung gewann "Puppe, Icke & der Dicke", die einzige Komödie im Hauptwettbewerb. Mit Leichtigkeit erzählt Regisseur Felix Stienz von drei Menschen, die zwischen Paris und Berlin aufeinandertreffen: die schwangere Europe (Stephanie Capetanides), der kleinwüchsige Bomber (Tobi B), eine Berliner Spezies, die sich an ihrem Noch-Chef rächen will, aber seinerseits über den Tisch gezogen wird, und der stumme Bruno (Matthias Scheuring), ein Bär von einem Menschen. Der sympathische Film ohne großen Anspruch, aber mit viel Dialogwitz wird seinen deutschen Kinostart voraussichtlich im November 2012 haben.

Im Angebot des Max Ophüls Preises 2012 gab es auch in den Nebenreihen viel zu entdecken, so den letzten Film mit Johannes Heesters, einen Kurzfilm namens "Ten", in dem der kürzlich im Alter von 108 Jahren Verstorbene einen Himmelspförtner spielt. Der separate Wettbewerb um den Besten Dokumentarfilm war stark besetzt. Besonders bemerkenswert waren zwei filmische Porträts: "Die Geschichte der Auma Obama" stellt Barack Obamas kenianische Halbschwester vor. Eine Frau, die ihren Weg ging, in Saarbrücken, Heidelberg und Berlin studierte, schließlich promovierte und lange vor der Präsidentschaft ihres Bruders mehrfach im deutschen Fernsehen auftrat: Im Presseclub beispielsweise bezog sie Stellung zur Entwicklungshilfe. "Die Geschichte der Auma Obama" schildert Aumas Werdegang und schneidet Szenen des Wahlkampfs und des Wahlabends Ende 2008 dazwischen, als Barack Obama gegen John McCain siegte. Im Film von Regisseurin Branwen Okpako vermisst man Wichtiges: Detailliert werden die Geschwister und Halbgeschwister Aumas genannt und ihre Rolle in Aumas Leben geschildert, ihre Beziehung zum Halbbruder Barack Obama hingegen erst am Ende des Films nur kurz und unzureichend erläutert. Davon abgesehen, zeigt Okpakos Film die verschiedenen Facetten einer interessanten Persönlichkeit. Die Obamas erscheinen danach umso sympathischer.

Hermes Phettberg im Dokumentarfilm Der Papst ist kein Jeansboy; Quelle des Fotos: max-ophuels-preis.de Den Dokumentarfilm-Wettbewerb gewann "Der Papst ist kein Jeansboy". Regisseur Sobo Swobodnik zeigt, wie es heute Hermes Phettberg geht, einem Wiener Original, das es einst fast zum Fernsehstar brachte. Dem heutigen Kolumnisten und Ex-Talkshow-Moderator geht es schlecht. Der bekennende homosexuelle Sadomasochist wiegt jetzt etwa 70, früher 170 Kilo. Das war in einer Zeit, als er "Phettbergs Nette Leit Show" moderierte, eine Sendung, die in den 1990er Jahren auch in Deutschland auf 3Sat zu sehen war. Phettbergs Buckel ist größer denn je, er macht nur noch Trippelschritte, er hat mehrere Schlaganfälle und eine Gehirnblutung hinter sich und pinkelt wegen einer Blasenschwäche schon mal zwischen parkenden Autos auf die Straße. Der Bemitleidenswerte ist Sozialhilfeempfänger, dessen mühsamen Alltag Swobodnik akribisch mit der Kamera festhielt.

Das Saarbrücker Nachwuchs-Filmfestival bot auch in diesem Jahr ein interessantes, vielfältiges Wettbewerbsprogramm. Mit Filmen, die auf eine gute Zukunft hoffen lassen.

 

alle Preisträger 2012:


Max Ophüls Preis:
Michael
Regie: Markus Schleinzer

Filmpreis der saarländischen Ministerpräsidentin:
Transpapa
Regie: Sarah Judith Mettke

Lobende Erwähnung:
Die Unsichtbare
Regie: Christian Schwochow

Lobende Erwähnung:
Mary & Johnny
Regie: Samuel Schwarz & Julian M. Grünthal

Beste Nachwuchsdarstellerin:
Peri Baumeister (Film Tabu - Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden; Regie: Christoph Stark)

Bester Nachwuchsdarsteller:
Michael Fuith (Film Michael; Regie: Markus Schleinzer)

Fritz-Raff-Drehbuchpreis:
Mike
Regie: Lars Blumers

Publikumspreis:
Puppe, Icke & der Dicke
Regie: Felix Stienz

Preis der Schülerjury:
Festung
Regie: Kirsi Marie Liimatainen

Kurzfilmpreis:
DVA
Regie: Mickey Nedimovic

Lobende Erwähnung:
Korpus
Regie: Flo Baumann

Publikumspreis Kurzfilm:
Mädchenabend
Regie: Timo Becker

Interfilmpreis:
Dr. Ketel
Regie: Linus de Paoli

Preis für Mittellange Filme:
Heilig Abend mit Hase
Regie: Lilli Thalgott

Dokumentarfilmpreis:
Der Papst ist kein Jeansboy
Regie: Sobo Swobodnik

Förderpreis der DEFA-Stiftung:
Das Ding am Deich – Vom Widerstand gegen ein Atomkraftwerk
Regie: Antje Hubert




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"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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