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16.04.2026
Das Haus in Montevideo (1951/1963)
Wenn einer schon Traugott heißt! Der spießige Prof. Dr. Traugott Hermann Nägler, Lehrer für Germanistik und tote Sprachen, versucht mit aller Strenge seinen Kindern die Bedeutung der "Moral" beizubringen. Die ganze Familie steht unter seiner Tyrannei. Für Abweichungen von der strengen Sittlichkeit hat er kein Verständnis und kennt bei Verstößen keine Gnade. So wurde aufgrund seiner Intervention seine damals siebzehnjährige Schwester wegen eines unehelichen Kindes aus der Familie verstoßen. Sie wanderte nach Südamerika aus. Nach ihrem Tod rächt sie sich durch ein ausgeklügeltes Testament: Die Familie reist nach
Montevideo, um das Erbe anzutreten – eine Summe von 750 000 Dollar – , das geht aber nur, wenn ein weibliches Mitglied der vierzehnköpfigen Familie Nägler (Vater, Mutter, zwölf Kinder) innerhalb einer Frist von neun Monaten nach der Testamentseröffnung ein uneheliches Kind zur Welt bringt!
Jetzt ist Nägler hin- und hergerissen zwischen seinen moralischen Normen und der Aussicht auf viel Geld. So möchte er seine älteste Tochter Atlanta bitten, mit ihrem Freund Herbert ein Kind zu zeugen und vor der Hochzeit zur Welt zu bringen. Herbert lehnt ab, Traugott stimmt der Hochzeit trotzdem zu und verzichtet auf das Erbe. Die Pointe: Die Hochzeit soll auf dem Schiff "Atlanta" stattfinden, auf dem bereits Traugott und Marianne geheiratet hatten. Da erfahren sie, dass die "Atlanta" nach aktueller Vermessung 27 Zentimeter zu kurz ist, um noch als Schiff zu gelten! Der Kapitän hat also gar nicht das Recht, Ehen zu schließen. Deshalb sind alle jemals auf der Atlanta geschlossenen Ehen ungültig, also auch die Ehe von Traugott und Marianne Nägler. Die Klausel aus dem Testament ist erfüllt: Marianne Nägler hat sogar zwölf uneheliche Kinder geboren und großgezogen und kann das Erbe antreten.
"Das Haus in Montevideo" ist eine amüsante Theater-Komödie, die zweimal verfilmt wurde: 1951 mit dem Autor Curt Goetz selbst (er lebte von 1888 bis 1960) und 1963 mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle. Der Produzent Hans Domnick war für beide Verfilmungen verantwortlich. Er äußerte auf die Frage, warum er den Stoff erneut verfilme und ob er glaube, dass dieser Film besser werde: "Besser kann man nicht sagen, das muß man abwarten. Wir haben uns bemüht, die derzeit bestmögliche Besetzung zu finden, selbst für die kleineren Rollen, und wir haben von der produktionstechnischen Seite her den doppelten Aufwand getrieben." Entsprechend waren die Kosten doppelt so hoch. Das "Lexikon des internationalen Films" (1997) nennt die erste Version eine "mit Intelligenz, Charme und Einfallsreichtum inszenierte Goetz-Komödie, die ihr delikates Thema witzig und humorvoll behandelt und mit spielerischer Eleganz an Menschenliebe, Witz und Güte appelliert. Vor allem in seinem leichtfüßigen Umgang mit der Sprache ein unterhaltsamer Genuß." Im "Filmdienst" war die Kritik zu lesen, die Neuverfilmung mit Heinz Rühmann "vergröber[e] die Vorlage und ver[halte] sich im Vergleich zum Original wie ein Himbeerbonbon zur Praliné". Stück und Filme leben von ihren Übertreibungen: witzig wirken schon die Kinder, die alle rothaarig sind, von Sommersprossen übersät und Brillenträger. Sie haben Namen aus der lateinischen Sprache (das achte Kind heißt "Oktavia", das zwölfte und letzte "Ultima"). Nägler ist äußerst misstrauisch und vermutet in dem Mädchenheim in Montevideo (Stiftung der Tante) sogleich ein Bordell, woraus sich komische Situationen ergeben. Natürlich hat die Komödie ein Happy End. Allerdings ist sie durchaus satirisch angelegt, kritisiert werden die Doppelmoral des Bürgertums und seine Spießigkeit. 1952 erhielt "Das Haus in Montevideo" den "Bambi" für den künstlerisch besten Film des Jahres 1951. Ein Germanist aus Saarbrücken hat übrigens eine interessante Parallele entdeckt. In Friedrich Dürrenmatts Drama "Der Besuch der alten Dame" (1956) geht es um eine ähnliche Geschichte: Die wegen eines unehelichen Kindes Vertriebene will sich an den Verantwortlichen rächen. Der Titel des Aufsatzes von Günter Scholdt heißt folglich: "Die alte Dame kommt aus Montevideo".
Manfred Lauffs
/ Wertung:
* * * * *
(5 von 5)
Filmdaten 1.) Das Haus in Montevideo (1951) BRD 1951 Regie: Curt Goetz, Valérie von Martens; Darsteller: Curt Goetz (Professor Traugott Nägler), Valérie von Martens (Marianne Nägler), Albert Florath (Pastor Riesling), Lia Eibenschütz (Madame de la Rocco), Jacques Mylong-Münz (Anwalt Cortez), Ruth Niehaus (Atlanta Nägler), Eckart Dux (Herbert Kraft), Rudolf Reif (Bürgermeister), Ingeborg Körner (Carmencita), Lope Rica (Belinda), Andrea Perkams (Martha), Günther Vogt (Parsifal Nägler), J. Von Felbert (Lohengrin Nägler) u.a.; Drehbuch: Curt Goetz, Hans Domnick; Produzent: Hans Domnick; Kamera: Werner Krien; Musik: Franz Grothe; Länge: 106 Minuten; westdeutscher Kinostart: 8. November 1951
2.) Das Haus in Montevideo (1963)
Länge: 123 Minuten; westdeutscher Kinostart: 17. Oktober 1963
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