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Filmfestival
Max Ophüls Preis
2010


von Michael Dlugosch


Festivalplakat Max Ophüls Preis 2010; Quelle des Fotos: max-ophuels-preis.de In Saarbrücken ist am Sonntag, dem 24. Januar 2010 nach knapp einwöchiger Dauer das 31. Filmfestival Max Ophüls Preis 2010 zu Ende gegangen. Mehrere Auszeichnungen abgeräumt hat Maximilian Erlenweins Langfilmdebüt "Schwerkraft", der neben dem Hauptpreis auch den Drehbuchpreis und Auszeichnungen für zwei seiner Darsteller gewann. In dem Film gerät ein junger Bankangestellter in den Sog der Kriminalität. Die Jury verlieh dem Film den Max Ophüls Preis, weil er "durch absolute Stilsicherheit" überzeuge. "Der Film taucht seine Geschichte in absurden, schwarzen Humor und erzählt sie doch mit Wärme, Romantik und Herzlichkeit, was eine delikate Genre-Mischung und einen schwierigen Akt der Balance für den Regisseur und die Darsteller bedeutet, die sie bravourös gemeistert haben."
Das Filmfestival, das nunmehr seit drei Jahrzehnten besteht, präsentiert die ersten Filme junger Regisseure. 2010 war ein sehr guter Jahrgang im Hauptwettbewerb des Festivals.

Saarbrückens Oberbürgermeisterin Charlotte Britz (SPD) sagte bei der Eröffnungsfeier des 31. Filmfestivals Max Ophüls Preis 2010: Das Festival werde es auch in Zukunft geben. Die Finanzierung sei gesichert, trotz leerer Kassen. Wenn solche Treueschwüre verkündet werden, verheißt dies oft nichts Gutes. Ist das Filmfestival in der saarländischen Landeshauptstadt etwa gefährdet? Es wäre schade drum. Nicht nur, dass die Veranstaltung sich in der deutschsprachigen Filmszene etabliert hat und zu einem vielbesuchten Treffpunkt von Filmemachern wurde, im Mittelpunkt des Festivals stand 2010 auch ein starker Wettbewerb. 15 Langfilme waren dort vertreten, und kaum einer enttäuschte. Im Gegenteil: Die jungen Regisseure haben viele überzeugende bis hervorragende Filme ins Rennen geschickt.

Was bewegt die jungen Filmemacher, welche Sujets wählten sie für ihre ersten Filme in Zeiten der Wirtschaftskrise und der sozialen Unsicherheit? Auffallend häufig schickten sie ihre Protagonisten auf Selbstverwirklichungs- bzw. Selbstfindungstrips. Oder sie ließen die Filmfiguren um ihr nacktes Leben kämpfen. In einem der Filme war die Hauptfigur, ein junger Mann, im Gefängnis und will nun alles dafür tun, nicht mehr hinein zu müssen, weil er dort erneut zum misshandelten Opfer anderer Häftlinge würde ("Bis aufs Blut – Brüder auf Bewährung"). Die junge männliche Hauptfigur eines anderen Wettbewerbsfilms sitzt im Gefängnis, den ganzen Film lang – und wird als Neuling zunächst ein Opfer von Gewalt, bis sich das Blatt zu Ungunsten eines anderen wendet ("Picco"). In einem weiteren Wettbewerbsfilm lebt ein spießiger Bankangestellter ein anständiges Leben, bis er dies nicht mehr aushält – und beginnt, Straftaten zu begehen ("Schwerkraft"). Gleich drei Filme des Wettbewerbs beschäftigten sich also damit, wie es Menschen ergeht, wenn sie kriminell werden. Alle drei Filme wurden ausgezeichnet, der letztgenannte, "Schwerkraft", mit dem wichtigsten Preis des Festivals.

Fabian Hinrichs und Jürgen Vogel im Film Schwerkraft; Quelle des Fotos: max-ophuels-preis.de"Wird das jetzt 'ne Mondlandung oder was?" fragt der junge Bankangestellte am Anfang von "Schwerkraft" irritiert, als ein Kunde, dem er einen Kredit gekündigt hatte, vor ihm einen Countdown herunterzählt – und sich erschießt. Frederik Feinermann (Fabian Hinrichs) ist konsterniert. Von dem Augenblick an ist für den Banker nichts mehr wie vorher. Er tut etwas, das vorher undenkbar war, er verübt nächtliche Beutezüge in Häusern, die seinen Kunden gehören. In die Lehre geht Feinermann dazu bei seinem Kumpel Vince (Jürgen Vogel), einem Ex-Gefängnisinsassen. Feinermann macht es nicht des Geldes wegen, sondern er lässt seinen Trieben freien Lauf. Auf Anweisung von Vince schlägt er sogar einmal lustvoll Neonazis zusammen. Dem Regisseur Maximilian Erlenwein, der auch das Drehbuch für den Film verfasste, ist ein großer Wurf gelungen. Sein Langfilmdebüt ist einfallsreich und vermittelt in intelligenter Weise, wie ein junger Mann seinem Testosteronhaushalt nachgibt und Jagdinstinkten folgt. Dazu gehört, dass Feinermann seine Ex-Freundin (Nora von Waldstätten) verfolgt, die er wiederzugewinnen hofft.

Maximilian Erlenwein erhielt für "Schwerkraft" schon einmal eine Auszeichnung, im August 2009 den deutschen Nachwuchsfilmpreis First Steps Award in Berlin. Nun kam der Max Ophüls Preis hinzu, sowie der Drehbuchpreis des Festivals, den eine andere Jury verleiht. Die beiden Darsteller Nora von Waldstätten und Fabian Hinrichs erhielten ebenfalls Auszeichnungen, von Waldstätten als Beste Nachwuchsdarstellerin, Hinrichs einen Sonderpreis für seine schauspielerische Leistung. Der deutsche Kinostart von "Schwerkraft" ist bereits angekündigt für den 25. März 2010.

Nur ein zweiter Wettbewerbsfilm hat bislang ebenfalls einen deutschen Kinostart: "Waffenstillstand" von Regisseur Lancelot von Naso soll am 1. April 2010 in den Kinos anlaufen. "Waffenstillstand" ging bei der Preisverleihung in Saarbrücken zwar leer aus, ist aber ein geschickt inszenierter Film über die Gefahren, die der Irak-Krieg nicht nur für Soldaten und Zivilisten, sondern auch für Ärzte und Reporter bedeutet. Der Film spielt im Jahr 2004, also kurz nach dem Ende des offiziellen Krieges. Für ein paar Stunden herrscht im umkämpften Falludscha Waffenruhe. Eine Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation (Thekla Reuten) und ein französischer Arzt (Matthias Habich) machen sich von Bagdad auf den Weg nach Falludscha. Mit ihnen reisen zwei Journalisten (Max von Pufendorf, Hannes Jaenicke) auf der Suche nach einer Exklusivstory. "Waffenstillstand" zeigt die Sinnlosigkeit des Krieges. Die vier Europäer sind während der Fahrt sämtlichen nur denkbaren Gefahren ausgesetzt. Nicht alle werden nach Bagdad zurückkehren.

Constantin von Jascheroff im Film Picco; Quelle des Fotos: max-ophuels-preis.deIn "Picco" werden nicht alle ein Gefängnis wieder verlassen. War "Waffenstillstand" ein Film, den man als Zuschauer kaum aushält, weil dort der Krieg ausführlich dargestellt wird, so ist "Picco" ein Film, den man als Zuschauer wegen der gezeigten physischen und psychischen Grausamkeiten vorzeitig verlassen möchte. Dies aber hieße, einem der besten Filme des Wettbewerbs den Rücken zu kehren. Der Film erhielt die zweitwichtigste Auszeichnung des Festivals, den Preis des Saarländischen Ministerpräsidenten. Und dies hieße, die Augen zu verschließen vor dem, was "Picco"-Regisseur Philip Koch anprangert. Basierend unter anderen auf den Ereignissen in einer Jugendstrafanstalt in Siegburg 2006 spielt Kochs Film die ganze Zeit in einem Gefängnis. Ein Neuling im Knast, ein sogenannter Picco, hat es schwer. Ein Picco wird oft schikaniert, misshandelt. Kevin (Constantin von Jascheroff) ist so ein Neuling, und er hat sich anzupassen. Wie sehr er sich angepasst haben und zum Täter wird, zeigt das Ende des Films, als ein Mithäftling statt seiner in die Situation des Herumgestoßenen gerät. Einen dermaßen intensiven Blick in das Innenleben einer Strafanstalt hat noch kein anderer Filmemacher geworfen. Die rohen Sitten hinter den Gefängnismauern werden in "Picco" kompromisslos dargestellt. Der Film tut dem Zuschauer weh, die letzte halbe Stunde ist kaum zu ertragen.

In einem anderen Wettbewerbsfilm, "Bis aufs Blut – Brüder auf Bewährung", war es für die männliche Hauptfigur ebenfalls unerträglich, im Jugendknast einsitzen zu müssen. Der junge Mann, Tommy, war dort "Opfer" – so steht es nun auch eintätowiert auf seiner Hand. Dass er wieder Prügel im Gefängnis einstecken muss, soll nicht nochmal vorkommen. Tommy wird hervorragend gespielt von Jacob Matschenz, der in Saarbrücken wohl einen Rekord aufgestellt hat: Kein anderer Schauspieler war so häufig in Max-Ophüls-Preis-Wettbewerbsfilmen vertreten. Den Anfang machte 2005 der Film "Das Lächeln der Tiefseefische", für den Matschenz damals als Bester Nachwuchsdarsteller ausgezeichnet wurde. Der neueste Film, "Bis aufs Blut" von Regisseur Oliver Kienle, handelt von jungen Drogendealern, von denen Tommy nach seiner Knasterfahrung aussteigen will – aber die Clique ihn nicht lässt. Der Film ist bunt, schrill, manchmal zu schrill, voller HipHop-Musik, garniert mit Flüchen ohne Ende – "Ein Film, der unseren Wortschatz enorm erweitert hat", bekannte die Schülerjury, als sie dem Film ihren eigenen Preis übergab. Es blieb nicht bei dieser Auszeichnung: Der Film erhielt auch den Publikumspreis, und die Hauptjury, bestehend u.a. aus den Regisseuren Simon Verhoeven, Marco Kreuzpaintner, Thomas Imbach und Vorjahressieger Thomas Woschitz, unterstützte "Bis aufs Blut" mit einer Verleihförderung in Höhe von 9000 Euro.

Der gleiche Preis ging an den Film "Die Entbehrlichen", das Regiedebüt des Schauspielers Andreas Arnstedt. Wie in "Bis aufs Blut" sind auch hier die Protagonisten dem Prekariat zugehörig. Der 12-jährige Jakob (Oskar Böckelmann) verliert seinen Vater (André Hennicke) durch Selbstmord. Da sonst niemand davon weiß, versteckt Jakob die Leiche hinter dem Sofa, um nicht ins Kinderheim zu müssen. Clever springt Andreas Arnstedt mit der Zeit um: Der Zuschauer weiß nie, ob gerade eine Szene gezeigt wird, in der der Vater noch lebt oder tot im Wohnzimmer liegt. Manchmal trägt Arnstedt zu dick auf, hat man den Eindruck, wenn er die Familie um Jakob und seine Eltern beim alltäglichen Umgang miteinander beobachtet, wenn sich die Eltern wieder dem Alkohol hingeben. Und Filme über Menschen aus den sogenannten bildungsfernen Schichten hat man in den letzten Jahren zur Genüge gesehen, das Thema nutzt sich ab. Doch "Die Entbehrlichen" glänzt durch seine Qualität und seine Idee, aus einer wahren Begebenheit einen interessanten Film zu machen.

Antonis Kafetzopoulos (2. v. r.) im Film Plato's Academy; Quelle des Fotos: max-ophuels-preis.deEin Film, der mehr Auszeichnungen verdient hätte, aber nur den Preis für die Beste Filmmusik erhielt, ist "Plato's Academy" ("Akadimia Platonos"; deutscher Kinotitel: "Kleine Wunder in Athen", Start: 22.07.2010) von Regisseur Filippos Tsitos. Der gebürtige Athener, der seit 1991 in Berlin lebt, dort an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Regie studierte und mit "My Sweet Home" 2001 im Wettbewerb der Berlinale war, drehte mit "Plato's Academy" seinen zweiten Spielfilm, eine intelligente Tragikomödie zum Thema Fremdenfeindlichkeit. Der Grieche Stavros (Antonis Kafetzopoulos) verbringt die Tage mit Freunden vor seinem Laden in dem ruhigen Athener Stadtviertel "Acadimia Platonos". Seine Frau hat ihn verlassen, seine Mutter muss von ihm nach einem Schlaganfall rund um die Uhr betreut werden, im Viertel machen sich neuerdings Albaner und Chinesen breit. Stavros bleibt sein Nationalstolz, und sogar der wird ihm schließlich genommen: In einem der Albaner (Anastasis Kozdine) erkennt seine Mutter ihren verloren geglaubten Sohn wieder, eine Katastrophe für Stavros. Denn die Mutter spricht plötzlich perfekt albanisch und erklärt, dass sie in jungen Jahren von Albanien nach Griechenland wechselte – das bedeutet: Stavros ist kein Grieche. Dabei hat er bei Länderspielen so gerne mit seinen Freunden gesungen: "Albaner, du wirst nie ein Grieche sein". Tsitos' Film war der witzigste Film im Wettbewerb. Ein Beispiel für den gelungenen Humor des Films: Stavros' befremdete Freunde geben dem Schlaganfall die Schuld, dass die Mutter nun albanisch zu sprechen in der Lage ist.

Die meisten der jungen Regisseure haben 2010 bewiesen, dass sie ihr Handwerk beherrschen und ein Gespür für relevante Themen haben. Mit ihren Filmen machten sie das Filmfestival Max Ophüls Preis in diesem Jahr zu einem Ereignis. Der Luxemburger Produzent Paul Thiltges, Mitglied einer Jury, sagte: "Saarbrücken kann mit diesem Festival glücklich sein." Der Mann hat Recht.

 

alle Preisträger 2010:


Max Ophüls Preis:
Schwerkraft
Regie: Maximilian Erlenwein

Filmpreis des Saarländischen Ministerpräsidenten:
Picco
Regie: Philip Koch

Beste Nachwuchsdarstellerin:
Nora von Waldstätten (Film Schwerkraft)

Bester Nachwuchsdarsteller:
Sebastian Urzendowsky (Kurzfilm Die blaue Periode)

Sonderpreis Schauspiel 2010:
Fabian Hinrichs (Film Schwerkraft)

Verleihförderung von je 9000 Euro zu gleichen Teilen an:
Bis aufs Blut - Brüder auf Bewährung
Regie: Oliver Kienle und
Die Entbehrlichen
Regie: Andreas Arnstedt

SR/ZDF-Drehbuchpreis:
Schwerkraft
Regie: Maximilian Erlenwein

Publikumspreis:
Bis aufs Blut - Brüder auf Bewährung
Regie: Oliver Kienle

Preis der Schülerjury:
Bis aufs Blut - Brüder auf Bewährung
Regie: Oliver Kienle

Kurzfilmpreis:
Schonzeit
Regie: Irene Ledermann

Filmmusikpreis der Saarland Medien GmbH:
Plato's Academy
Musik: Nikos Kypourgos, Regie: Fillipos Tsitos

Interfilmpreis:
Suicide Club
Regie: Olaf Saumer

Preis für Mittellange Filme:
Rammbock
Regie: Marvin Kren

Dokumentarfilmpreis:
zu gleichen Teilen an: My Globe Is Broken In Rwanda
Regie: Katharina von Schroeder und
Nirgendwo.Kosovo
Regie: Silvana Santamaria

Förderpreis der DEFA-Stiftung:
Lourdes
Regie: Jessica Hausner




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