Zur vollständigen Darstellung der Seite aktivieren Sie bitte Javascript. Filmrezension: Hannibal
 

Das US-Horrorkino der 1970er & ich


von Christian Horn, Berlin 2011



Es hat etwas Befreiendes, als Filmjournalist munter drauf los zu schreiben. Ohne feste Bindung an bestimmte Formate, Zielgruppen, Kinostartlisten, aktuelle Aufhänger. Zum Beispiel darf man in einem solchen Essay einfach mal Ich sagen. Oder ein paar Seitenpfade aufmachen und nicht so lang am Text rumdoktern, bis die Zeichenzahl passt.

Das Thema soll der moderne US-amerikanische Horrorfilm der 1970er-Jahre sein. Ein Abriss, keine Vollständigkeit. Ein subjektiver Blick. Klassiker wie William Friedkins THE EXORCIST (1973) oder Richard Donners THE OMEN (1975) bleiben außen vor, da sie, gleichwohl modern im Sinne von zeitlos, seinerzeit längst etablierten Traditionslinien des Genres folgten. Hier geht es um das spezifisch Neue am amerikanischen 70er-Horrorkino, das in schmierigen Bahnhofskinos lief, wo Zombies, Irre und Kannibalen ihr stilprägendes Unwesen trieben.

DAWN OF THE DEAD – Teaser

Für mich beginnt die Geschichte des modernen Horrors zuallererst mit einer persönlichen Entdeckungsreise. Früher schaute ich kreuz und quer sämtliche Filme, auch Horrorfilme. Der erste aus den 70ern war vermutlich der 1978 erschienene DAWN OF THE DEAD von George A. Romero. Lass uns sechzehn Jahre alt gewesen sein. Auf der VHS-Kassette des großen Bruders eines Kumpels – ich schwöre, so war es – guckten wir mit ein paar Jungs dieses Kleinod unter dem klingenden deutschen Verleihtitel ZOMBIES IM KAUFHAUS. Der Fokus lag auf Bier, Zigaretten, Splatter. Wir bestellten Pizza und seit diesem Tag bekomme ich bei blutigen Filmen keinen Bissen mehr runter. In der Folge blieben mir ein paar derbe Szenen erinnerlich, insbesondere die zahlreichen Kopfschüsse. Die Gewalt nahm ich damals viel intensiver wahr als heute, doch als Schlüsselwerk begriff ich den Streifen noch nicht.

NIGHT OF THE LIVING DEAD – Establishing Shot

Meine nächste Begegnung mit dem neuen US-Horrorkino, das ich von 1968 bis etwa 1980 datiere, war wohl NIGHT OF THE LIVING DEAD, bei dem ebenfalls George A. Romero Regie führte. Der 1968er Film war nicht nur für das Kino jener Tage wegweisend, sondern auch für meine Beziehung dazu. Die Erstsichtung als Jugendlicher erzielte einen zwar positiven, aber keineswegs ehrfürchtigen Effekt. Erst bei einer erneuten Sichtung auf der besten von den unzähligen miesen deutschen DVD-Veröffentlichungen (von cmv) und einem gereiften Filmverständnis im Hinterkopf, erkannte ich in der NACHT DER LEBENDEN TOTEN ein Schlüsselwerk. Der zweite Blick auf die Geburt der modernen Zombies stachelte meinen Faible für Horrorfilme an.

Es wurde reichlich über NIGHT OF THE LIVING DEAD geschrieben, ein paar kurze Anmerkungen sind jedoch erlaubt. Der Low-Budget-Film begründet – nach den Vorläufern PEEPING TOM, PSYCHO und BLOOD FEAST, die das Slashergenre prägten – das moderne Horrorkino. Neu war zunächst der für damalige Verhältnisse kontroverse Grad an Gewaltdarstellung, der aus heutiger Sicht eher harmlos wirkt. Dennoch erzeugt Romeros Debüt nach wie vor Gänsehaut. Einerseits ist der Film gealtert, teils kippt er ins Trashige, doch andererseits ist er nach wie vor in sich stimmig und in Anbetracht des kleinen Budgets fulminant in Szene gesetzt. Das zeichnet die US-Horrorfilme der Folgejahre aus: Das Kantige und Sperrige, das B-Movie-artige, Rohe und Unfertige, das Subversive. Deswegen ihre filmische Raffinesse in Abrede zu stellen oder zu behaupten, sie seien gar nicht gruselig, ist ein recht uneleganter Irrtum.

Was die 70er-Horrorfilme ebenfalls ausmacht, ist die offensiv vorgetragene Gesellschaftskritik. Auch hier steht NIGHT OF THE LIVING DEAD Modell, wenn der schwarze Protagonist von der schießwütigen Miliz, der die Apokalypse als Spielplatz gerade recht scheint, als vermeintlicher Zombie erlegt und auf einem Scheiterhaufen verbrannt wird. Angst und Paranoia waren um 1968 bestimmende amerikanische Gefühle und man muss einige gesellschaftliche Entwicklungen bedenken, um das zeitgenössische Kino zu verstehen.

Vietnam und Atombomben

Im Jahr 1965 traten die USA in den Vietnamkrieg ein, der 1973 ein schlimmes Ende für die Vereinigten Staaten nahm. Ein gesellschaftliches und mediales Ereignis: Die Hippies, das Trauma. Das moderne US-Horrorkino entstand mitten im Krieg. Das hat viel mit Bildern zu tun: Die Fotos und Videoaufnahmen aus Vietnam lösten Schrecken und Scham aus, was den Horror gedeihen ließ. Das spürte auch Colonel Kurtz aus APOKALYPSE NOW: "The horror... the horror..."

Das zweite Gesellschaftsthema jener Zeit war die atomare Bedrohung durch den Kalten Krieg. Damals lag der Finger quasi permanent auf dem roten Knopf, 1962 hätte die Kubakrise fast einen Atomkrieg ausgelöst. Die tiefsitzende Paranoia, unter anderem in der Kommunistenhatz manifestiert, griffen Filme wie THREE DAYS OF THE CONDOR und andere Werke des New Hollywood auf, im Übergang zu den 80ern dann Dystopien wie MAD MAX oder THE TERMINATOR.

Demselben gesellschaftlichen Dunstkreis entstammen die meist misanthropischen Italowestern, etwa DJANGO und KEOMA, und das italienische Splatterkino der späten 70er, also Zombie- und Kannibalenfilme wie WOODOO (dt: DIE SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES) oder CANNIBAL HOLOCAUST (dt: NACKT UND ZERFLEISCHT). Hier besteht eine Parallele zum Zeitgeisthorror aus Amerika.

Kontext: New Hollywood

NIGHT OF THE LIVING DEAD und seine geistigen Kollaborateure können dem äußeren Rand des New Hollywood zugerechnet werden. Das ist die filmische Erneuerungsbewegung, die das Gesellschaftsklima der ausgehenden 60er-Jahre in Anlehnung an die französische Nouvelle Vague ins US-Kino transferierte. Den Anfang machten 1967 THE GRADUATE von Mike Nichols und BONNIE AND CLYDE von Arthur Penn, später folgten großartige Filme wie Peckinpahs THE WILD BUNCH, Kubricks CLOCKWORK ORANGE oder – zum Ende hin, als Beginn des Blockbusterkinos – JAWS von Spielberg.

Exkurs: Tierhorror

Über Tierhorror, ein spezielles Subgenre, schreibe ich nur kurz etwas. Pauschal gesagt rekurrieren sämtliche Tierhorrorfilme ab 1975 auf JAWS, das hierzulande als DER WEISSE HAI bekannte Kinomeisterwerk schlechthin. Es existieren massenhaft Trittbrettfahrer, von GRIZZLY, dessen Werbespruch "Jaws with Claws" lautet, über ORCA, BARRACUDA, PIRANHA bis hin zu MAMBA, ALLIGATOR oder CUJO. Tierhorror hat häufig etwas mit (oft radioaktiver) Umweltverseuchung und damit einhergehender Aggressivität oder Riesenwuchs zu tun (bei THE BIRDS und JAWS jedoch nicht). Das Genre blühte schon 1955 mit TARANTULA & co auf, doch erst Mitte der 70er erhielt das Genre eine moderne Gestalt, und zwar innerhalb derselben Bedingungen wie die anderen Horrorfilme jener Zeit.

Vietnam und der Kalte Krieg sind die gesellschaftlichen Eckpfeiler, New Hollywood eine filmbegriffliche Bündelung. Für den modernen Horror steht NIGHT OF THE LIVING DEAD am Anfang, dennoch fand das alles auch parallel statt. Die Zeit war reif. Wie das andere Genre mit den Körperöffnungen steht der Horrorfilm am Rand der Gesellschaft, guckt drauf, überspitzt, resümiert.

DAWN OF THE DEAD – Close Up

Eine Wegmarke meiner Horrorvorliebe war die Zweitsichtung von DAWN OF THE DEAD auf einer ungekürzten, restaurierten Import-DVD. Das Schwarzweiß aus NIGHT OF THE LIVING DEAD ist jetzt Comic, die Gewalt ist Splatter: Grün und blau geschminkte Zombies lassen massig Hirn und Eingeweide, beißen kräftig zu, waten durch knallrotes Blut. Die Story springt im Kreis. Beschwingte Konsumkritik wechselt mit dramatischen Einzelmomenten, ausgedehnten Kopschusspassagen, einer entgleisenden Talkshow und unmotivierten Actionszenen. Den Status als Genreklassiker verdient der Film trotzdem. Denn er verlieh den Ängsten des Jahrzehnts einen popkulturellen Ausdruck, der in Form heftiger Debatten über filmische Gewaltdarstellung und im Rahmen cineastischer Kanonbildung auf die kritisierte Gesellschaft zurückwirkte.

THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE – Schlüsselszene

Der dritte Film auf meiner Liste ist THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE von Tobe Hooper, der 1974 ins Kino kam. Als ich den Kultfilm zum ersten Mal sah, entfachte das mein Interesse für das US-Horrorkino der 70er endgültig. Das BLUTGERICHT IN TEXAS, ein essentieller Filmbeitrag zur Paranoia, markiert einen Höhepunkt des Low-Budget-Kinos. Die physische Präsenz des massigen Kettensägenkillers, die Ausweglosigkeit der Situation, das gradlinige Vorpreschen des blanken Horrors machen Hoopers Film zum künstlerisch wertvollen Meisterstück. Das MoMa nahm TCM in seine Sammlung auf, während er in Deutschland lang auf dem Index stand und nur in gekürzten, qualitativ miserablen Fassungen erhältlich war. Erst die akkurat aufbereitete, so gut wie vergriffene Ultimate Collector's Edition von Turbine Medien schaffte kürzlich Abhilfe – nach einem kafkaesken Kampf gegen richterliche Beschlüsse und diverse Paragraphen. Ich könnte viel zum TEXAS CHAINSAW MASSACRE schreiben, will das euphorische Kurzfazit aber als Anreiz und Hymne stehen lassen. Tobe Hoopers Exploitationfilm rockt, das steht fest.

Abspann

NIGHT OF THE LIVING DEAD, DAWN OF THE DEAD und das TEXAS CHAINSAW MASSACRE waren meine ersten einschneidenden Begegnungen mit dem 70er-Horror aus Amerika, doch bald entdeckte ich viele weitere zentrale Filme. Zwei davon sollen wenigstens kurz erwähnt werden: Der krude Rape-and-Revenge-Film LAST HOUSE ON THE LEFT (1972) und der Postapokalypse-Horror THE HILLS HAVE EYES (1977), beide von Wes Craven, irritieren bis heute mit anarchischer Wucht.

Am Ende des Jahrzehnts belebten Slasherfilme wie HALLOWEEN (1978) von John Carpenter und FRIDAY, THE 13TH (1980) von Sean S. Cunningham das Horrorkino weiter. In den 80ern gingen die subversiven Genrefilme des Vorjahrzehnts, von denen Sam Raimis Debüt THE EVIL DEAD (1981) als einer der letzten gelten kann, in den Mainstream über. Franchises wie Wes Cravens NIGHTMARE ON ELM STREETReihe dominierten die Horrorszenerie – Michael Myers, Jason Voorhees, Freddy Kruger oder die Mörderpuppe Chucky avancierten zu Ikonen der Popkultur.

Während das US-Horrorkino der 1990er-Jahre abseits von SCREAM (1996) und THE BLAIR WITCH PROJECT (1999) weitgehend im Stillen brodelte, erlebte es in den Nullerjahren eine Renaissance. Die neue Horrorwelle brachte neben Torture Porns der Marke SAW und HOSTEL etliche Remakes von 70er-Streifen hervor und lässt sich – wie der US-Horror ab 1968 – als Reflex auf ein amerikanisches Trauma lesen: Der Einsturz der Zwillingstürme, die Kriege in Afghanistan und im Irak, die Folterbilder aus Abu Ghraib.



Dieser Essay ist zuerst 2011 im SLEAZE Magazin #24 erschienen.

 






Artikel empfehlen bei:  Mr. Wong Delicious Facebook  Webnews Linkarena  Hilfe

© filmrezension.de

home
  |  regisseure/schauspieler   |  e-mail
 über uns  |  impressum  






 
Zitat

"Ich schaue nicht auf irgendeinen meiner Filme mit Vorliebe oder Stolz zurück. Ich schaue auf meine Filme allgemein zurück... Ich kann nur die Redewendung benutzen: 'Ich bin verflucht'."

("I don't look back on any film I've done with fondness or pride. I look back on my films and on the past generally ... I can only used the phrase, 'Well, I'm damned.'")

Der britische Regisseur Nicolas Roeg (15.08.1928 - 23.11.2018; "Wenn die Gondeln Trauer tragen", "Der Mann, der vom Himmel fiel")

Drucken

Artikel empfehlen
Mr. Wong Delicious Facebook Webnews Linkarena 
Hilfe